SEISMOGRAPH Was hat es mit der Skepsis auf sich?

Skepsis scheint momentan allgegenwärtig, egal ob es um Covid-Impfung, die Führungsfähigkeiten der Politiker oder gar um Skeptiker selbst geht. Gedanken über das Wort Skepsis, das momentan ja allgegenwärtig zu sein scheint.

Lukas Held / Simon Larosche / tt

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Lukas, das Wort "Skepsis" scheint momentan ja allgegenwärtig zu sein. Die einen äußern Skepsis gegenüber der Covid-Impfung, die anderen sind skeptisch gegenüber den Führungsfähigkeiten unserer Politiker, und wieder andere äußern Skepsis gegenüber den Skeptikern. Bei dir geht es heute genau darum, um die Skepsis.

Lukas Held: Ja Simon, das Wort "Skepsis" taucht aktuell immer wieder auf, und da das Wort aus dem Bereich der Philosophie stammt, lohnt es sich vielleicht einmal einen Blick auf die Skepsis zu werfen - insbesondere sie ja keinen guten Ruf zu haben scheint.

Ein Skeptiker gilt heutzutage als jemand, der zunächst einmal einfach alles anzweifelt und dabei nicht besonders produktiv vorgeht - sprich: er zweifelt, um zu zweifeln. Dabei werden dem Skeptiker mitunter Misstrauen, Ignoranz, ja sogar Böswilligkeit unterstellt. Ein Skeptiker scheint kurz gesagt eine Art Spielverderber zu sein, der bekrittelt, anstatt mitzumachen. Das alles hat aber wenig mit dem philosophischen Verständnis von Skepsis zu tun.

Worum geht es denn eigentlich bei der philosophischen Skepsis?

Das altgriechische Wort skepsis bedeutet Sehen, Betrachten oder besser: genaues Hinsehen. Wenn man genau Hinsehen muss, gibt es immer einen Anlass dazu, und im Falle der philosophischen Skepsis ist das der Eindruck, dass man entweder nicht alles sieht oder dass das, was man sieht, gar nicht so ist, wie man es sieht, mithin nur so zu sein scheint. Aus diesem Eindruck entspringt der Zweifel, und der ist sozusagen das wichtigste Werkzeug des Skeptikers.

Warum? Was passiert beim Zweifel?

Wenn man zweifelt, dann stellt man sich letztlich vor, dass die Dinge auch anders sein könnten. Und wenn man sich vorstellt, dass etwas anders sein kann, dann hat man auf einmal sowohl dieses etwas als auch das andere etwas - man hat dann also auf einmal mehr, als vorher.

Und wenn man dann noch weiter zweifelt, dann vervielfacht man das, was vorher sehr streng und erhaben vor einem stand, und dann kann man diese Vielheit gegeneinander ausspielen und sagen: wenn man der Überzeugung A die Überzeugung B gegenüberstellt, dann sind beide auf einmal gar nicht mehr so überzeugend. Und das kann sehr befreiend wirken.

So meinte es zumindest der antike Philosoph Pyrrhon, der im 4. Jahrhundert vor Christus lebte. Für ihn macht es nicht viel Sinn, dieser oder jener Überzeugung anzuhängen, denn irgendwann lässt sich auch die bestfundierteste Überzeugung widerlegen. Er plädierte deshalb für die sogenannte epochê, was man mit Zurückhaltung übersetzen könnte.

Der Skeptiker hält sich zurück, eine Entscheidung zu treffen, oder wie muss man das verstehen?

Das kann man tatsächlich so verstehen. Dem Skeptiker tun sich zweifelnd ja so viele Wege auf, dass die Verfolgung eines einzigen Weges einfach nur inkonsequent wäre, denn warum sollte man diesem Weg folgen, und nicht einem anderen? Epoché bedeutet Zurückhalten, aber auch Innehalten in der Suche nach der Wahrheit.

Wirklich glücklich und seelenruhig ist der Skeptiker nämlich erst dann, wenn er aufgehört hat nach dem zu suchen, woran er gar nicht mehr glauben kann, nämlich die absolute, die einzige Wahrheit. Anders gesagt: in ihrer Inkonsequenz ist die Skepsis eigentlich sehr konsequent. Und das macht sie zu einer sehr menschlichen Philosophie.

Was macht die Skepsis denn so menschlich?

Die Skepsis trägt der Tatsache Rechnung, dass unser Leben endlich ist und darüber hinaus größtenteils aus Zufällen besteht, also kontingent ist. Wir sind, so sagte es der Philosoph Odo Marquard einmal, immer mehr unsere Zufälle als unsere Wahl. Das bedeutet wiederum, dass immer auch alles anders sein könnte in unserem Leben.

Es bedeutet, dass wir keine Einheit, sondern eine Vielheit sind, eine Vielheit von Meinungen, von Überzeugungen, von widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken. Wir sind bunt - und genau so bunt ist die Skepsis, wenn sie sich per epoché verbietet, Farbe zu bekennen. In der heutigen Debattenkultur besteht aber genau diese Tendenz zur Monochromie, bei der man sich selbst und andere auf eine Meinung, auf eine Position, auf eine Ideologie reduziert.

Mir erschließt sich immer noch nicht, wieso es in unserer Gesellschaft als Schwäche empfunden wird, dass man nicht nur eine, sondern mehrere, ja vielleicht sogar konträre Überzeugungen hat.

Im Gegenteil: die Einsicht in die eigene Inkohärenz, das Eingeständnis der Endlichkeit des eigenen Verstehens scheint mir weitaus menschlicher, als die Illusion des Rechthabens. Deshalb empfehle ich hin und wieder etwas mehr Mut zum Bunten - nicht nur in der Kleidungswahl, sondern auch in den Überzeugungen.

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