Seismograph Common decency

Mit den Impfungen kommen auch die Impfvordrängler, wie man sie mittlerweile nennt. Also Leute, die ihre Machtposition oder ihre connections dazu nutzen, früher geimpft zu werden als vorgesehen. In der Debatte um Impfvordrängler und sonstige Krisenprofiteure taucht immer wieder der Begriff Anstand auf. Das ist interessant, denn obwohl jeder eine ungefähre Vorstellung davon hat, was Anstand bedeutet, tut man sich doch etwas schwer, eine genaue Definition zu formulieren.

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Lukas Held
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Versuchen wir es mal: Irgendwie hat Anstand ja mit Manieren zu tun - da schwingt noch so ein bisschen Knigge und Ketty Thull mit. Unter diesem Gesichtspunkt ist Anstand etwas Erlerntes, eine Art Regelset, das man sich aneignet und dann zum richtigen Zeitpunkt auspackt - z.B. bei Tisch. Anstand ist allerdings auch mehr als das, nämlich eine Haltung, eine Art Lebenseinstellung. In diesem Sinne eignet man sich Anstand durch Lebenserfahrung am. Man weiß oder vielmehr fühlt, wenn man unanständig handelt, wenn man also etwas Obszönes tut - wie z.B. einen Autounfall filmen oder im vollen Zug zwei Sitzplätze blockieren. Der Tabubruch wird allgemein auch als unanständig, wie z.B. wenn ich jemanden nicht zurückgrüße oder hier nackt durch das Studio rennen würde. Das zeigt wiederum, dass Anstand etwas mit gesellschaftlichen Standards zu tun hat, was natürlich wiederum bedeutet, dass die Definition von Anstand nichts Festgeschriebenes ist - denn diese Standards befinden sich im ständigen Wandel. Zum Beispiel galt ein Kuss von zwei Männern früher als unanständig, heute nicht mehr.

Mir scheint außerdem, dass der Begriff sich jenseits von Moral und von Recht bewegt. Wenn ich der Putzfrau, die ich schwarz (also illegal) beschäftige, keinen Kaffee anbiete, würde man das wohl als unanständig empfinden. Man kann demnach anständig handeln, ohne die Gesetze zu respektieren - und man kann auch in einem legalen Rahmen sehr unanständig handeln. Der Begriff Anstand ist schlicht zu unbestimmt, um als ethischer Leitfaden zu dienen. Und weil er so schwammig ist, kann ihn sich auch jeder aneignen. So pflegte Heinrich Himmler bspw. zu sagen, dass man im Leben immer anständig, tapfer und gütig sein solle - angesichts seiner Handlungen natürlich blanker Hohn.

Spontane Moral oder indirekte Ehtik

Und dennoch, trotz aller Unbestimmtheit, brauchen wir den Anstand, denn er ist der Kitt unserer sozialen Beziehungen, eine Art spontane Moral, die man hat, ohne lange darüber nachzudenken. Jemand, der zwar strictu sensu kein Philosoph war, sich aber intensiv mit dem Thema befasst hat, war George Orwell. Als common decency bezeichnete Orwell eine gewisse Großmütigkeit die er vor allem beim einfachen Volk vorfand. Für Orwell sind die einfachsten, sprich die ärmsten Menschen auch die anständigsten, weil sie durch ihren Stand dazu gezwungen sind, solidarisch miteinander zu sein und sich brüderlich zu verhalten. Anstand ist für Orwell auch eher eine negative Kategorie, in dem Sinn, dass man eher weiß, was man nicht tun sollte als was man tun sollte - also eine Art indirekte Ethik. Im Umkehrschluss heißt das, dass Unanständigkeit einem gewissen Kontext entspringt, genauer gesagt einem Machtkontext. Anstand geht demnach verloren, wenn Menschen Macht über andere Menschen ausüben.

Anstand bedeutet, sich selbst zurückzunehmen

Denn Macht zu haben bedeutet, sich selbst bzw. seinen Willen anstelle des Willens eines anderen zu setzen. Die Gefahr der Macht liegt darin, die Fähigkeit zu verlieren, sich in den anderen hineinzuversetzen und seinen oder ihren Willen als begründetet wahrzunehmen. Aber genau das ist die Bedingung für anständiges Handeln, denn Anstand bedeutet, sich zurückzunehmen - für sich selbst und für andere. Das ist schwer, denn laut unserem basic setting denken wir zunächst einfach mal an uns selbst. Um sich zurückzunehmen bedarf es der Einsicht, dass wir Menschen im Grunde genommen allemal dasselbe wollen - nämlich gut, glücklich und in Frieden zu leben - und dass man das leichter gemeinsam als allein erreichen kann. Anständig zu handeln bedeutet eben nichts zu tun, was den anderen und seine Bedürfnisse ausblendet.

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