Prisma Wem dient Gewaltlosigkeit?

Dass Revolutionen nicht unbedingt unblutig und gewaltfrei ablaufen, dürfte zumindest all denen bekannt sein, die hin und wieder einen Blick in Geschichtsbücher werfen. Umso erstaunlicher, dass in der Berichterstattung zu aktuellen Demonstrationen und Protesten der Gewalt jedoch nur mehr mit Unverständnis begegnet wird und sie sogar pauschal verteufelt wird. In seinem Beitrag geht Lukas Held der Frage nach, ob das Prinzip der Gewaltlosigkeit als Prisma politischer Analyse überhaupt etwas taugt.

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Lukas Held setzt sich mit der Begrifflichkeit der Gewalt auseinander

Wo von Protesten und Revolution die Rede ist, ist meist auch die Rede von Gewalt. Dieser Nexus von Revolution und Gewalt ist an sich nicht weiter verwunderlich - die bestehenden Verhältnisse lassen sich schließlich nicht einfach mal so verändern und die meisten Machthaber - ob korrupt oder nicht - hängen bekanntlich zu sehr an ihrer Macht, als dass sie sie freiwillig und kampflos abtreten würden.

Ein Blick in die Geschichtsbücher bestätigt dies und verdeutlicht, dass die meisten Revolutionen Gewalt implizieren, ja dass Gewalt ein bewährtes Mittel ist, einen strukturellen politischen Wandel, also eine Revolution, zu erwirken oder zu verhindern - je nachdem welchen Blickwinkel man einnimmt. Nun ist das damals von morgen aber unser heute, und jetzt gerade finden, wenn nicht unbedingt Revolutionen, so doch eine Vielzahl an Protesten und Massendemonstrationen statt - z. B. in Hongkong, Katalonien, im Libanon und in Chile.

Gewalt im Mittelpunkt

Umso erstaunlicher ist es, dass in der Berichterstattung zu diesen aktuellen revolutionären Bewegungen die Gewalt meist äußerst kritisch betrachtet und bisweilen pauschal verurteilt wird. "Sieg der Gewalt in Chile" - unter diesem martialischen Titel berichtete unlängst die Deutsche Welle zu den Massendemonstrationen im südamerikanischen Land und war sich dabei nicht zu schade zu bedauern, dass der APEC-Gipfel (also der Gipfel der asiatisch-pazifischen Wirtschaftskooperation) wegen der anhaltenden Proteste dort nicht stattfinden könne. Man sieht, wo die Prioritäten liegen.

Dem Artikel beigefügt war das obligatorische Foto brennender Barrikaden. Diese brennenden Barrikaden gehören neben Steinwerfern, zertrümmerten Schaufensterscheiben, Tränengasschwaden und vermummten Demonstranten zum festen Bestandteil der Bildsprache, mit der heutzutage über Proteste berichtet wird.

Gewalttätiger Protest

Durch diese mediale Überrepräsentation der Gewalt wird suggeriert, dass sie nicht ein Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst sei. So werden aus Demonstranten schnell brutale Schläger, Chaoten oder casseurs, wie man des öfteren in Bezug auf die Gilets-jaunes-Bewegung hören konnte.

In einem nächsten Schritt wird der gewalttätigen Minderheit eine friedliche Mehrheit entgegengestellt, deren Meinung aber bedauerlicherweise untergeht in dem von den Chaoten verursachten Trubel. Diese friedliche Mehrheit wird zum legitimen Ansprechpartner erkoren - aber eben nur solange sie ihre Belange friedlich vorträgt. Wehe sie macht gemeinsame Sache mit den gewalttätigen Demonstranten, wehe sie distanziert sich nicht vehement von den Ausschreitungen, den Straßenschlachten und brennenden Autos.

Denn - so die zynische Pointe dieser Form der Berichterstattung - nur ein friedlicher, konstruktiver Protest dialogbereiter Bürger ist ein legitimer Protest. Kurzum: Demonstrationen ja, aber bitte nicht zu laut und hinterher alles schön aufräumen!

Der Gewaltbegriff ist shwammig

Ein wichtiges Werkzeug dieses allgegenwärtigen Diskurses ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Laut den Verfechtern dieses Prinzips kann allein der gewaltfreie zivile Ungehorsam einen politischen und gesellschaftlichen Wandel herbeiführen, da man hier aus dem Schema Gewalt-Gegengewalt ausbricht. Inkarniert wird diese Idee durch emblematische Figuren wie Gandhi und Martin Luther King, die dem Ganzen moralische Erhabenheit und historische Würde verleihen.

Nun hat diese Argumentation freilich ihre Verdienste, aber auch einen wesentlichen Schwachpunkt, und der hat mit dem Gewaltbegriff selbst zu tun, der so schwammig und vage ist, dass er als Kategorie politischen Denkens nur sehr wenig taugt.

Ein Beispiel: Sicherlich ist derjenige gewalttätig, der versucht, jemand anderem nach dem Leben zu trachten. Aber ist derjenige, der sich gegen den Angreifer wehrt, selbst auch gewalttätig? Was, wenn der Angreifer ein windiger Banquier ist, und dessen Waffe die Finanzspekulation. Oder ein Arbeitgeber, und die Waffe die Massenentlassung? Und was, wenn die Gegenwehr in Form eines Generalstreiks erfolgt? Und man nicht sich selbst, sondern seine Mitarbeiter schützt? Wer ist in diesem Fall gewalttätig?

Ein weiteres Beispiel: Das Tragen einer Waffe ist ohne Zweifel ein Zeichen von Gewaltbereitschaft und ist glücklicherweise hierzulande verboten. Und dennoch schreckt man davor zurück, Polizeiarbeit als gewalttätig zu bezeichnen, obwohl es zur Arbeit des Polizisten gehört, Waffen zu tragen und davon Gebrauch zu machen.

Machtstrukturen schreiben Begrifflichkeiten vor

Aus diesen polemischen Beispielen ergeben sich für mich ich zwei Dinge. Zum einen, dass die Definition von "Gewalt" nicht festgeschrieben ist, sondern immer von den herrschenden Machtstrukturen abhängt. Und wenn das stimmt, dann ist die Kategorie "Gewalt" völlig unbrauchbar für einen moralischen Diskurs, da die Gewalt immer relativ zu den jeweils geltenden Umständen steht. Die moralisierende Unterscheidung zwischen einem "normalen" oder einem "exzessiven", zwischen einem "friedlichen" und einem "gewalttätigen" Protest ist somit völlig willkürlich, da hinter diesen Begriffen keine Realität steht. Letztlich gibt es immer nur Handlungen und die Bewertungen von Handlungen.

Zum anderen wird klar, dass die Rede von der Gewaltlosigkeit nur auf eine Form der Gewalt abzielt, während andere Formen der Gewalt gar nicht in Frage gestellt werden. Tabuisiert wird nämlich nur die Gewalt, die von einem klar bestimmbaren Akteur, bspw. einer Person oder einer Gruppe von Menschen ausgeht. Also die Gewalt, die als Störung eines friedlichen Normalzustands empfunden wird.

Man könnte sie auch als direkte Gewalt bezeichnen. Aber was ist mit derjenigen Form von Gewalt, die von keinem Akteur ausgeht und die den Frieden nicht stört? Wie geht man gegen Gewalt vor, für die niemand verantwortlich zeichnet, weil sie ein fester Bestandteil des Staatsapparats und des ökonomischen Systems selbst ist? Und was, wenn der vermeintliche Frieden nur die Fassade jener Form von Gewalt ist, die mehr Leben kostet, länger andauert und weitere Kreise zieht, als die direkte Gewalt? "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", fragte einst Bertold Brecht. Man könnte ergänzen: was ist direkte Gewalt gegen systemische Gewalt?

Deshalb sollte man aufhorchen, wenn die Gewaltlosigkeit zum Dogma erhoben wird und sich fragen, wer hier gerade warum definiert, was Gewalt ist.

An der Mediathéik:

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