Seismograph Was sind die Prinzipien einer gerechten Gesellschaft?

Vor 20 Jahren starb der große politische Philosoph John Rawls. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit dem Thema Gerechtigkeit und der Frage, was die Prinzipien einer gerechten Gesellschaft sind. Das hatte auch biographische Gründe.

Lukas Held / cbi

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Vor zwanzig Jahren starb einer der bedeutendsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, nämlich John Rawls. Dieser amerikanische Philosoph wurde bekannt durch sein Hauptwerk "A Theory of Justice".

Hier stellt er sich die Frage, was Gerechtigkeit ist und wie eine gerechte Gesellschaft aussehen könnte. Seit diesem Jahr steht Rawls übrigens auch auf dem 1ères-Programm der BCI-Sektionen des Enseignement classique.

Rawls Biographie

Dass sich Rawls zeit seines Lebens für das Thema "Gerechtigkeit" interessiert hat, das hat einerseits mit dem Thema selbst zu tun, andererseits wohl auch mit seiner Biographie. Rawls wurde nämlich bereits in frühen Jahren mit viel Ungerechtigkeit konfrontiert.

Rawls wurde 1921 in Baltimore in eine wohlhabende und kinderreiche Familie geboren. Man muss wissen, dass Baltimore eine besonders arme Stadt mit einer mehrheitlichen schwarzen Bevölkerung ist, die damals noch stark segregiert wurde.

Rawls Mutter war übrigens Bürgerrechtlerin. Als Kind erkrankte John an Diphtherie und übertrug diese Krankheit seinem jüngeren Bruder - der daran starb. Dasselbe geschah ein Jahr später noch einmal mit einer Lungenentzündung, an der sein anderer Bruder starb.

Wir sehen hier also eine stark traumatische Erfahrung gelebter Ungerechtigkeit: er selbst wurde krank, aber jemand anders musste dafür sterben. Zudem war Rawls im 2. Weltkrieg Soldat in Japan und hat die totale Vernichtung Hiroshimas selbst erlebt - auch dies war für ihn natürlich eine krasse Ungerechtigkeitserfahrung.

Gerechtigkeit - ein komplexes Thema

Das Thema Gerechtigkeit ist tatsächlich eines der klassischen Themen der Philosophie, vielleicht auch eines der komplexesten Themen, weil es sich auf so vielen Ebenen abspielt.

Wenn man das Wort "gerecht" hört, denkt man ja auch sofort auch an dessen Gegenteil, an "ungerecht". Jemanden ungerecht zu behandeln - und das lernen wir ja schon als Kinder - das gehört sich nicht und Ungerechtigkeitserfahrungen sind prägende Erfahrungen für einen jungen Menschen - das sieht man ja bei Rawls selbst.

Und wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, ja dann fordern wir diese Gerechtigkeit lautstark ein. Wir Menschen haben einen sehr direkten Bezug zu diesem Thema, man könnte fast schon von einem Gefühl sprechen, einem Gefühl oder einem Sinn für Gerechtigkeit.

Dieses Gerechtigkeitsgefühl sticht sich manchmal mit der Definition von Gerechtigkeit, die der Gesetzgeber vorgibt. Wenn wir z.B. hören, dass sich Menschen in Krisenzeiten bereichern, obwohl er der Mehrheit dreckig geht, dann finden wir das ungerecht. Dann sagen wir: das ist zwar legal, aber doch ungerecht.

In diesem Fall unterscheiden wir zwischen der Moral und dem Gesetz. Die Moral gebietet das eine, aber das Gesetz sagt etwas anderes. Im Thema Gerechtigkeit treffen diese beiden Aspekte oder Dimensionen aufeinander. Und das wirft dann ganz viele interessante Fragen auf.

Ein paar Beispiele: Wer bestimmt eigentlich, was gerecht ist? Ist Gerechtigkeit dasselbe wie Gleichheit? Und wie entscheidet man im Falle eines Gerechtigkeitskonflikts, wenn also verschiedene Interessen aufeinander treten?

Eine Theorie der Gerechtigkeit

Rawls hingegen geht es um das große Ganze, er stellt sich die Frage, was die Prinzipien einer gerechten Gesellschaft sind. Dazu formuliert er ein Gedankenexperiment: Stell dir eine Gruppe von vernünftigen Individuen vor, die zusammenkommen, um über die Grundsätze der Gesellschaft zu bestimmen.

In so einer Situation würde natürlich jeder versuchen, seine eigenen Interessen voran zu stellen. Wenn ich wohlhabend bin, werde ich natürlich versuchen, eine Gesellschaft zu planen, die vorteilhaft für Wohlhabende ist. Wenn ich eine queere Frau bin, dann vorteilhaft für queere Frauen usw.

Jetzt stell dir aber vor, dass keine dieser Personen weiß, was seine oder ihre Eigenschaften sind. Sie wissen nicht, ob sie arm oder reich, alt oder jung, klug oder weniger klug, stark oder schwach, fit oder krank, gläubig oder nicht-gläubig, Städter oder Dorfbewohner, Mann oder Frau oder whatever sind. Sie wissen absolut nichts über sich selbst.

Rawls selbst nennt diese Form der Generalamnesie den veil of ignorance, den Schleier des Nichtswissens. Diese Menschen müssen also eine Gesellschaft planen, ohne zu wissen, an welcher Stelle sie stehen werden. Sie entwerfen Regeln für ein Spiel, ohne zu wissen, an welcher Stelle sie spielen werden. Rawls nennt diese Situation den Urzustand, einen Zustand absoluter Gleichheit. In so einer Situation ist der Egoismus natürlich völlig ausgeschaltet, du weißt schließlich nicht, was dein Ego ist.

Aber auch eine utilitaristische Überlegung zieht hier nicht mehr. Niemand wäre damit einverstanden, dauerhaft zu leiden, nur damit es einer Mehrheit von Leuten gut geht; niemand will das Risiko eingehen, einer unterdrückten Minderheit anzugehören, nur um des greater good willen.

Gleichheit und Differenz

Rawls meint, die Menschen würden sich aus dieser Position der Unparteilichkeit heraus für eine Gesellschaft entscheiden, in der es dem am schlechtesten Gestellten verhältnismäßig gut gehen würde, da man ja selbst eine dieser Personen sein könnte.

Rawls glaubt tatsächlich, dass sich die Menschen auf zwei wesentliche Prinzipien der Gerechtigkeit einigen würden.

Erstens: jeder soll das gleiche Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben. Anders gesagt: gleiches Recht auf Freiheiten für alle.

Und zweitens: soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind erlaubt, solange sie sich letztlich zum Vorteil der am schlechtesten Gestellten auswirken. Anders gesagt: Ungleichheiten können gerecht sein - solange alle davon profitieren.

Es ist z.B. gerecht, dass der Arzt mehr verdient als der Buschauffeur, da es Leute dazu anreizt, eine Medizinstudium anzugehen, wovon wiederum alle Menschen profitieren, da es dann mehr Ärzte gibt. Ungerecht hingegen wäre es, wenn ausschließlich wohlhabende Menschen zum Arztstudium zugelassen würden. Das ginge eben gegen das erste Prinzip: gleiches Recht auf Grundfreiheiten für alle.

So, und wer sich jetzt für das Thema "Gerechtigkeit" interessiert, dem empfehle ich noch eine Lektüre, und zwar Michael Sandels Buch Justice von 2009, das 2013 auch auf Deutsch erschienen ist unter dem Titel Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun. Ein sehr spannendes und unterhaltsames Werk von einem angesehenen Philosophen.

An der Mediathéik:

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