Seismograph Was können wir wissen, bevor wir uns entscheiden?

[Es geht weiter mit] der Sendung Seismograph, in der der Philosoph Lukas Held nicht nur philosophische Denkanstöße liefert, sondern uns auch über Aktuelles aus der Welt der Philosophie informiert.

Lukas Held / Simon Larosche / cbi

Lukas Held
Der Philosophe Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Ich glaube, Lukas, du hast uns heute ein Buch mitgebracht. Ein ziemliches dünnes Buch ...

Ganz genau Simon, ein Buch mit dem Titel "Was können wir wissen, bevor wir uns entscheiden?" der amerikanischen Philosophin Laurie Ann Paul. Das amerikanische Original erschien bereits 2015, ist jetzt aber erstmals in deutscher Übersetzung im Reclam Verlag erschienen.

Und warum hast du uns gerade dieses Buch mitgebracht?

Nun, mich hat der Untertitel des Buchs aufhorchen lassen, der da lautet "Von Kinderwünschen und Vernunftgründen" - und ich muss gestehen, dass eben das Thema Kinderwunsch in meinem Bekannten- und Freundeskreis gerade eines der Topthemen ist. Natürlich mit all den Fragen, die damit einhergehen: Ist die Beziehung zu meinem Lebenspartner stark genug, um ein Kind großzuziehen? Oder bedeutet ein Kind zu haben das Aus für unser Liebesleben? Soll man überhaupt Kinder in die Welt setzen, gibt es nicht schon genug Menschen auf der Welt? Wie sieht die Umwelt überhaupt in 50 Jahren aus? Und schließlich die immer wiederkehrende Frage, ob man überhaupt eine gute Mutter bzw. ein guter Vater sein wird.

Nun geht es der Philosophin natürlich nicht darum, all diese Fragen zu beantworten, das überlässt sie den zahlreichen Selbsthilfemagazinen, die sich so auf dem Markt tummeln. Nein, es geht ihr darum, die Fragen selbst zu analysieren, also sich die Frage zu stellen, ob und wie man eine solche Entscheidung wie die, ein Kind zu haben oder kinderlos zu bleiben, überhaupt treffen kann. Wenn man sich vernünftig dazu entscheiden will, ein Kind zu haben oder nicht, ist es ja naheliegend, sich vorzustellen, wie es sein würde, ein Kind zu haben.

Und dann davon ausgehend abzuwägen, ob man ein Kind haben soll oder nicht, das natürlich mit dem Partner zu klären, und dann diese lebensverändernde Entscheidung zu treffen. Das ist zumindest unsere klassische Vorstellung von der Prozedur des Entscheidens. Sie hat zwar ihre Grenzen, denn natürlich kann niemand von uns genau die Zukunft voraussehen, aber wir können doch scheinbar eine ungefähre Einschätzung von dem haben, was uns erwartet - ausgehend von unserer Selbstkenntnis und unserer bisherigen Erfahrungen.

Das leuchtet mir ein, aber ganz so einfach ist es dann bestimmt doch nicht.

Eben, denn während wir uns in den meisten Entscheidungssituationen auf unsere Erfahrungen, unsere Gefühle, unsere Wünsche und Vorstellungen stützen können, so ist das in puncto Kinderwunsch nicht wirklich möglich, weil die Tatsache, ein eigenes Kind zu bekommen epistemisch transformativ ist, d. h. sie übersteigt das Gefühls- und Erfahrungssetting, in dem wir uns normalerweise bewegen. Und das bedeutet wiederum, dass keine Erfahrung jemals auf die Erfahrung des Kinderkriegens vorgreifen kann, weshalb wir gar nicht wissen können, ob diese Erfahrung uns glücklich macht oder nicht.

Laurie Ann Paul nennt das transformative Erfahrungen und bezeichnet damit all die Erfahrungen, die so einzigartig, so intensiv, psychisch und körperlich so radikal sind, dass wir gar keinen vorgreifenden Bezug auf sie haben können, weil ihnen keine bisherige Erfahrung entspricht. Sie vergleicht das mit einer Person, die zwar theoretisch alles über die Farbe rot weiß, aber noch nie eine Farbe mit eigenen Augen gesehen hat. Diese Person könnte niemals erahnen, welche Gefühle beim Anblick der Farbe rot in ihr auftreten werden, ebenso wie niemand gewiss sagen kann, wie es wäre, sein Kind in den Armen zu halten bzw. wie es wäre kinderlos zu sein.

Nun kann natürlich das Kinderkriegen genau so ablaufen, wie man es sich vorgestellt hat. Wichtig ist jedoch einzusehen, dass es nicht so verlaufen muss, ja dass man eigentlich überhaupt keine Prognose über solche transformativen Erfahrungen treffen kann. Mit ihrem Buch berührt Laurie Ann Paul nicht nur mehrere gesellschaftliche Tabus, zum Beispiel das der postnatalen Depression, oder das der Eltern, die es bereuen, Eltern geworden zu sein. Und vor allem Frauen haben es heutzutage immer noch schwer, offen darüber zu sprechen, dass sie die eigene Mutterschaft bereuen.

Ihr Buch ist darüber hinaus ein Plädoyer dafür, ehrlich mit sich selbst zu sein, und den Deckmantel der falschen Rationalität abzulegen. Wir sollten uns von dem gegenwärtigen Ideal verabschieden, jede unserer Entscheidungen begründen oder in einem umfassenden Lebensplan verorten zu wollen. Denn bei genauerer Hinsicht stoßen wir regelmäßig auf Erfahrungen, von denen wir keine Ahnung haben können, wie ist sie zu machen und wie wir danach sein werden. Und anstatt ihnen vorgreifen zu wollen, wäre es vielleicht fruchtbarer, sich diesen Erfahrungen hinzugeben und offen zu bleiben für die mögliche Veränderung, die sie in uns provozieren.

Vielen Dank für diese Einschätzungen, die Referenz zum Buch finden Sie auf unserer Website.

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