Seismograph Was ist Wasser?

Ausgehend von dieser banalen Frage entwickelt der japanische Zen-Philosoph Dōgen eine faszinierende Reflexion über unsere Wahrnehmung und das wahre Wesen der Dinge: die Leere.

Lukas Held / cbi

Waasser/Zen
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Dōgen und die Perspektivität

Was ist Wasser? Eine flüssige, feste, gasförmige Materie? Das, woraus der menschliche Körper mehrheitlich besteht? H2O? Das durchsichtige etwas in dem Glas vor mir? Was ist Wasser für einen Fisch? Sein Lebensraum? Ist das Wasser nass für einen Fisch?

Für den Fisch ist das Wasser nicht das, was es für den Menschen ist. Der Fisch ist sich des Wassers vielleicht gar nicht bewusst - oder nur dann, wenn es ihm fehlt, wenn man ihn herausfischt z.B. Für den Mensch ist Wasser etwas Fließendes, aber wenn wir uns in großen Höhen befinden, und auf das Meer herabblicken, erscheint es uns auch starr und solide.

Der andere Blickwinkel auch nicht von der Zugehörigkeit zu einer anderen Spezies ab, sondern von ganz vielen Faktoren. Fest steht: unsere Wahrnehmung ist relativ, sie ist perspektivisch.

Aber die Frage bleibt: was ist Wasser? Was ist das Wasser an sich? Also nicht die eine oder andere Erscheinung des Wassers, die eine oder andere Perspektive darauf, sondern DAS Wasser.

Diese Frage hat sich der Zen-Buddhist Dōgen gestellt, einer der bedeutendsten Philosophen des sogenannten Zen. Heute ist übrigens sein Todestag, er starb heute im Jahre 1253 in Kyoto. Und dieser Dōgen war der Ansicht, dass das Wesen einer Sache eben nicht die Gesamtheit der Perspektiven ist, die wir auf diese Sache haben, da sich viele Perspektiven widersprechen und gegenseitig negieren. Dōgen schreibt zum Beispiel, dass Berge sich immer bewegen und fließen - was für uns Menschen ganz und gar kontraintuitiv ist.

Das hört sich komisch an, Berge assoziieren wir ja mit Solidität. Aber es gibt eine Perspektive, in welcher sich Berge tatsächlich bewegen, z.B. die eines Geologen, oder vielleicht die Perspektive eines göttlichen Wesens, für das 1000 Jahre nur eine Sekunde sind. Bref, du siehst, es gibt unendlich viele widersprüchliche Perspektiven, aber man findet darin nicht das Wesentliche, sondern immer nur verschiedene Versionen einer Sache.

Wie gelangt man zum Ursprünglichen?

Wie kommt man nun aber zu der "wahren" Sache? Man muss versuchen, hinter die Erscheinungen zu blicken, man muss über die verschiedenen Perspektiven hinaus versuchen, die ursprüngliche Natur in Betracht zu bringen. In der westlichen Philosophie würde man das das Wesen der Sache nennen, und man würde versuchen, das Wesen des Wassers, das Wesen des Fischs, das Wesen des Menschen usw. zu beschreiben.

Aber dann würde man nur wieder das Schema der Abtrennung und der Perspektive wiederholen, nur auf einem höheren Level. Eben das wollen Zen-Denker wie Dōgen vermeiden. Es geht also darum, das Ursprüngliche in den Blick zu nehmen, ohne es einteilen oder verwesentlichen zu wollen. Deshalb sagt uns Dōgen, dass die ursprüngliche Natur unwesentlich ist, dass sie in allen Wesen und über allen Wesen steht.

Das bedeutet, das Wesen des Wassers ist in allem, und alles ist das Wesen des Wassers. Es gibt also gar nichts hinter den Erscheinungen, so wie etwas hinter einem Vorhang versteckt wäre. Sondern in allem was erscheint, in allen Perspektiven auf die Welt, ist das Ursprüngliche auch schon mit dabei, ohne dass dieses Ursprüngliche jetzt eine bestimmte Form annimmt - sonst könnte es ja nicht in allem sein.

In der Zen-Buddhistischen Sicht ist dieses Ursprüngliche etwas ganz offenes. Es ist eine Leere. Bei dem Wort Leere schrecken wir Westler ja erstmal auf, denn wir haben den horror vacui also die Angst vor der Leere. Für uns ist Leere schlecht konnotiert, wenn etwas leer ist, dann ist da nichts - so wie nichts hinter einer leeren Versprechung steckt z.B. Aber ist der Zen-Tradition ist diese Leere eben nicht dasselbe wie das Nichts, sondern gerade weil das Ursprüngliche leer ist, kann es zu allem werden. Es ist die totale Offenheit.

Leere ≠ Nichts

Leere bedeutet ja auch Möglichkeit, wenn etwas leer ist, kann es alles werden und genau deshalb ist Leere nicht dasselbe wie das Nichts, sondern dessen Gegenteil. Das Leere ist alles Mögliche, weil es zu allem werden kann. Und um zu diesem Ursprünglichen zu gelangen, muss man also versuchen, die große Leere zu erfassen, auf deren Grund alle Dinge erscheinen.

Dōgen nennt das die "erleuchtete Sicht". Normalerweise haben wir die "gewöhnliche Sicht" auf die Dinge, und dann ist Wasser eben das, was wir meinen, das es ist, dann haben wir unsere Ansichten, unsere Meinungen und unsere Version der Welt, und dann sind gewisse Dinge eben so, und nicht anders.

Dann fließt Wasser, dann sind Berge starr, dann ist alles meine Sicht der Dinge, aber dann scheint mir mein Menschenleben vielleicht auch wichtiger als die Umwelt. Die erleuchtete Sicht hingegen ist eine Art gleichgültige Sicht, eine Sicht auf die Dinge, die nicht hierarchisiert, die nicht unterteilt. Das führt dazu, dass die Dinge, die einem gewöhnlich als besonders wichtig und wertvoll erscheinen, auf einmal zurücktreten.

Erleuchtetes Kochen

Dōgen hat da selbst ein Beispiel, und zwar hat er eine Art Kochbuch geschrieben, oder besser gesagt eine Instructions au cuisinier zen, die es auch als kleines Taschenbüchlein gibt. Darin schreibt er zum Beispiel:

"Quand vous faites la cuisine, ne regardez pas les choses ordinaires d'un regard ordinaire. Un esprit clarifié et tranquille n'est ni borgne, ni aveugle, il embrasse tous les aspects de la réalité. La feuille de légume que vous tenez dans votre main devient le corps sacré de l'ultime réalité."

Heute würde man das wohl Mindfulness oder Achtsamkeit nennen - ich finde "Erleuchtetes Kochen" klingt aber irgendwie besser.

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Seismograph / / Lukas Held
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