Seismograph Wann sind wir wirklich zuhause?

Was bedeutet eigentlich "zuhause"? Für mich zunächst einmal die eigenen vier Wände, aber dann auch mein Elternhaus. Zudem die Region in Belgien, wo meine Eltern herkommen, nämlich die Deutschsprachige Gemeinschaft. Auch Toulouse, wo ich lange gelebt habe, ist eine Art Heimat für mich. Und damit wären wir schon bei der eigentlichen Frage: was ist eigentlich Heimat? Was haben all diese Orte für mich gemeinsam? Wie kann eigentlich ein Land oder eine Region "zuhause" sein, obwohl das Haus ja etwas ganz anderes ist? Und kann ich auch Heimweh nach einem Ort haben, an dem ich nie zuhause war?

Lukas Held / cbi

Lukas Held

Nostalgie

All diesen Fragen hat die französische Philosophin Barbara Cassin ein Buch gewidmet mit dem Titel Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause?, 2013 im Original und vor kurzem in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen. Barbara Cassin ist bekannt als Herausgeberin des Dictionnaires des intraduisibles, eines philosophischen Lexikons all jener Begriffe, die aufgrund ihrer Komplexität besonders schwer in eine andere Sprache zu übertragen sind.

Cassin hat eindeutig ein besonderes Gespür für die Nuancen des Sinnes, für die Tiefgründigkeit der Wörter, für die etymologische Recherche - und das scheint auch in dieser Studie über die Nostalgie durch. Das Wort "Nostalgie" ist eine Zusammensetzung der griechischen Wörter nostos (die Rückkehr) und algos (der Schmerz) - und klingt damit schon einmal wie ein antikes Konzept - vielleicht eines von Homer, dessen Odyssee man ja als das Epos der Nostalgie bezeichnen kann.

Tatsächlich ist der Begriff aber verhältnismäßig neu und stammt aus der Schweiz. Der junge Arzt Johann Hofer beschrieb 1688 in seiner Doktorarbeit jene eigenartige Pathologie, die die Betroffenen in tiefstes Trübsal fallen ließ. Sie sehnten sich so dermaßen nach ihrer Heimat, dass es ihnen unmöglich war ihrer Arbeit nachzugehen. Man nannte die Nostalgie damals auch das Schweizerheimweh - was wohl auch damit zu tun hat, dass die Schweizer häufig lange von daheim wegmussten - bspw. als Soldaten (man denke an die Schweizer Garde des Papstes).

Saudade

Man kann dabei auch an den portugiesischen Begriff Saudade denken, wobei die Saudade ja traditionell die Sehnsucht nach einer Person ist, die niemals mehr wiederkehrt. Also eine Art umgedrehtes Heimweh - man ist daheim, aber ein Stück Heimat ist für immer verloren gegangen, so dass die Heimat selbst un-heimlich wird.

Hier deutet sich ein wichtiger Unterschied an, den die französische Sprache z.B. nicht macht, nämlich der zwischen Sehnsucht und Heimweh. Während - wie Barbara Cassin schreibt - das Heimweh das Verlangen nach der Rückkehr, bezeichnet die Sehnsucht eben nicht ein Zurück, sondern ein Hinfort, ein Wegwollen. Für Cassin beschreiben diese beiden Begriffe die innere Spannung der Nostalgie: ist sie ein Ankommen oder ein Wegwollen? Wann ist man eigentlich daheim?

Odysseus, Aineas, Hannah Arendt

Cassin widmet sich in ihrer Studie 3 Figuren des Heimwehs. Für Odysseus, der 12 Jahre lang über das Mittelmeer irrte, bedeutet die Heimat: erkannt zu werden. Für den Griechen Aeneas ist die Heimat etwas Verlorenes, eine Fiktion, ein Mythos. Er floh nämlich aus dem brennenden Troja flüchtete und gründete nach langem Herumirren die Stadt Lavinium (woraus der Sage nach später einmal Rom enstand). Die auf immer verlorene Heimat macht die Römer zu ewigen Exilanten - was der Idee des Imperium Romanum wohl nicht ganz abträglich war: ein heterogenes Volk, vereint durch eine Sprache.

Heimat ist also, wo ich verstanden werden. Liegt die Heimat also vielleicht in der Sprache begründet? Und unser eigentliches Elternpaar wären dann Muttersprache und Vaterland? Aber was, wenn die Sprache unheimlich geworden ist, wie für die jüdische Philosophin Hannah Arendt zur Zeit des Nazi-Regimes? Was, wenn sie klischeehaft, vorgefertigt, wenn sie ideologisch fixiert wird? Dann muss man die Sprache vom Volk trennen; dann kann man nämlich auch dort zu Hause sein, wo man noch nie war. Heimat ist dann dort, wo man sprechen und kommunizieren kann - sei es in der eigenen oder in einer fremden Sprache.

Ich empfehle jedenfalls die Lektüre dieses Büchleins. Etwas philosophische Reflexion kann vielleicht dazu beitragen, dass man Begriffe wie Heimat und Muttersprache nicht allzu schnell ideologisch auflädt. Und so ist man auch besser für die Diskussion mit dem ein oder anderen völkischen Wurzelmännchen gewappnet, das auf Weihnachten vielleicht mit am Familientisch sitzt.

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