Seismograph Wahl durch Losverfahren

Es ist ein gängiger Konsens, denjenigen Macht zu übertragen, die dazu am besten geeignet sind. Was wäre, wenn wir unsere Volksvertreter nicht wählen, sondern auslosen würden?

Lukas Held / rb

Lukas Held

Gartenpartys

Mittlerweile dürfte jeder mitbekommen haben, dass der britische Premierminister Boris Johnson momentan unter hohem politischen Druck steht. Johnson soll mitten im Lockdown an einer Gartenparty in seinem Regierungssitz teilgenommen haben - und das wenige Tage, nachdem seine Regierung selbst solche Partys für die britische Bevölkerung verboten hatte.

Außerdem soll er eine Geburtstagsparty abgehalten haben - auch im Regierungssitz und in völliger Illegalität. Der Premier hält sich nicht an die Regeln, die er seinem Volk auferlegt. Dem Volk, dessen erster Repräsentant er ist.

Aber es wird noch besser beziehungsweise schlimmer. Denn Johnson verbreitet öffentlich weiter die hanebüchene Erklärung, er sei sich nicht bewusst gewesen, dass da gerade in seinem Garten eine Party stattfinde, er sei der felsenfesten Überzeugung gewesen, es handle sich um ein Work-Meeting.

Das Motto dieses Work-Meetings beziehungsweise dieser Garden-Party war übrigens "Bring your own booze". Johnson war - so beweisen es E-Mails - zumindest indirekt über diese Party informiert - und sah darin kein Problem.

Das britische Volk fühlt sich - gelinde gesagt - verarscht von ihrem Premier, der weiterhin und trotz aller Beweise an seiner Version der Dinge festhält. Sogar Parteimitglieder verlangen mittlerweile nach seinem Rücktritt.

Nun haben wir hierzulande ja auch erlebt, dass sich Politiker nicht immer an die strengen Regeln halten, die sie dem Volk auferlegen... aber vielleicht sind wir hierzulande etwas nachsichtiger mit unseren Politikern.

Macht und Autorität

Dennoch lässt dieses Verhalten die Maßnahmen, die von der Politik entschieden werden, unglaubwürdig erscheinen; es kratzt an der Autorität der Politiker.

Denn Autorität bedarf des Respekts - vor der Person oder vor dem Amt. Und was Autorität am meisten unterminiert - so schrieb es einmal Hannah Arendt sehr treffend - ist das Lachen, das "Lächerlichmachen". Und wenn der Volksvertreter das Sich-Lächerlichmachen schon selbst übernimmt - wie Johnson momentan - dann ist das natürlich ein dankbares Geschenk für alle Kritiker.

Macht bedarf der Autorität - so ist zumindest der gängige Konsens. Aber - und das ist nun die andere Seite der Geschichte - ein solches Fehlverhalten lässt einen Politiker wie Johnson auch menschlicher wirken, menschlich weil unbeholfen, irrend und verlegen. Der ist wie wir, mögen manche da sagen, und hält sich dennoch für etwas Besseres.

Eben diesem "sich für etwas Besseres halten" oder "Abgehobensein", das man vielen PolitikerInnen ja vorwirft, könnte man tatsächlich aber demokratisch entgegenwirken, nämlich durch eine Wahl per Losverfahren. Unsere Volksvertreter werden nicht gewählt, sondern einfach per Los bestimmt.

Nun mag der ein oder andere denken: das ist unseriös, dann können doch auch inkompetente Leute an die Macht können. Aber das könnten sie auch so - nur der Unterschied ist, dass die einen an die Macht wollen, und die anderen nicht.

Davon abgesehen: warum sollte das Losverfahren nicht auch kompetente Leute an die Macht bringen? Und dazu noch Leute, die nicht die Macht um der Macht willen wollen, weil sie beispielsweise einer alteingesessenen Politikerfamilie angehören oder dafür jahrelang ausgebildet wurden an irgendwelchen teuren Privatschulen.

Der französische Philosoph Jacques Rancière, der diese Idee der Wahl durch Losverfahren ausführlich theoretisiert hat, warnt davor zu glauben, dass der Wille eines Menschen, Macht auszuüben, diesen auch dazu qualifiziert, dies zu tun.

Wir sind aber völlig eben diesem Glauben erlegen, demzufolge Politik von ausgebildeten Politikern gemacht wird. Von Leuten, die sich vermeintlich das angeeignet haben, was wir "Kompetenzen" nennen. Von diesen "Kompetenzen" machen wir abhängig, ob die Person Autorität besitzt. Und denen übertragen wir dann die Macht.

Macht auslosen, anstatt zu wählen

In dem Losverfahren-Modell wird diese Verbindung zwischen Autorität und Macht gekappt: Macht hat nicht der, der am besten dafür qualifiziert zu sein scheint, der irgendwie dafür geeignet zu sein scheint und der deshalb die meiste Autorität dafür besitzt, sondern Macht wird einfach per Zufall verteilt. Das hat wiederum eine Auswirkung auf die Art und Weise, wie wir Macht erfahren. Und auch, nach welchen Kriterien wir Autorität definieren. Jedenfalls wäre das ein wirklich egalitäres Modell.

Die Idee ist übrigens nicht neu - schon in der Antike wurde per Losverfahren bestimmt. Dadurch sollte der persönliche Einfluss minimiert werden, man wollte eine möglichst große Machtrotation garantieren. Am Ende ihrer Zeit mussten die Machthaber öffentlich Rechenschaft darüber ablegen, was sie erreicht hatten.

Und auch Montesquieu, einer der Vordenker unserer modernen Demokratie, war der Meinung: "Das Auslosen ist eine Wahlform, die niemanden verletzt. Sie lässt jedem Bürger eine begründete Hoffnung, seinem Vaterland dienen zu können."

Heute hingegen paart sich Resignation mit Frust. Nämlich die Resignation, niemals an der politischen Sache mitarbeiten zu können, mit dem Frust darüber, dass man von denen, die tatsächlich Politik machen, belogen wird. Das ist ein gefährlicher Mix.

Wenn in Frankreich demnächst wieder gewählt wird, dürfte die Wahlbeteiligung (wie schon beim letzten Mal) sehr niedrig sein - und das wird auch niemanden überraschen. Wir sprechen dann ein bis zwei Tage empört darüber, und legen es wieder ad acta.

Es irritiert immer wieder zu sehen, wie viel wir über die Personen sprechen, die uns vertreten sollen, und wie wenig über die Art und Weise, wie wir sie wählen, wie wir die Macht des Volkes verteilen wollen. Darüber sollten wir nachdenken - denn das Thema betrifft uns alle, und zwar ganz direkt.

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