Seismograph Vom Aufhören

Letzte Woche traten unerwartet gleich drei Minister von ihren Funktionen zurück. Das wirft die Frage auf: Wann ist der richtige Moment, um aufzuhören? Und muss man überhaupt aufhören? Warum es gut ist, die Dinge von Ende her zu denken und was Heraklit dazu sagt, bespricht Lukas Held.

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Foto: Archiv

Rücktritte

Letzte Woche gab es ein kleines politisches Erdbeben in unserem Land, als gleich drei Minister auf einmal ihren Rücktritt angekündigt haben. Nun gelten Rücktritte ja bekanntlich insbesondere in der Politik als ein Zeichen für Verantwortungsbewusstsein. Man tritt zurück, weil man der Würde oder den Anforderungen des Amtes nicht mehr gerecht wird.

Nun gibt es dabei zwei Möglichkeiten: entweder man muss gehen, oder man will gehen. Wenn man gehen muss ist es natürlich einfacher, weil jemand die Entscheidung für dich nimmt. Als Sebastian Kurz vom Amt des österreichischen Bundeskanzlers zurückgetreten ist, hatte er keine Wahl - der politische Druck war zu groß. Wenn man aber - wie im Falle unserer 3 Minister - sich offensichtlich aus freien Stücken dazu entscheidet, das Amt entgegen aller Erwartungen niederzulegen - dann ist es schon komplizierter.

Denn wenn man etwas will, dann muss man wissen, was man will. Und vor allem muss man wissen, wann man das, was man will, am besten in die Tat umsetzt. Das bringt mich zur Frage des Tages: Wann weiß man, dass es Zeit ist aufzuhören?

Wann ist es Zeit, aufzuhören?

Zum Beispiel im Kontext einer Party: wann weiß man, dass es Zeit ist zu gehen? Dem Sprichwort nach immer dann, wenn es am Schönsten ist. Aber woher weiß man, wann es am Schönsten ist? Das weiß man ja immer nur im Nachhinein. Man muss vielleicht unterscheiden zwischen dem richtigen, dem besten Moment, und einfach dem Bedürfnis etwas zu beenden.

Den besten Moment gibt es wahrscheinlich nicht in Gegenwart, sondern immer nur im Rückblick auf eine Sache. Aber ob es nun ein Partybesuch, eine Beziehung, ein politisches Amt, eine Freundschaft oder irgendein anderes Projekt ist - irgendwann kommt der Moment, wo man sich bewusst wird, dass man aufhören muss, dass etwas zu Ende ist, dass man mit etwas brechen muss.

Muss man eigentlich aufhören?

Aber warum muss man eigentlich aufhören? Nun, wenn man das Bewusstsein für das Ende nicht hat oder nicht entwickelt, wenn man die Dinge als potentiell unendlich denkt, läuft man Gefahr sich zu verlieren. Im Kontext der Party bedeutet das, dass man im Rausch ist.

Der Rausch erlebt sich selbst als unendlich - deshalb ist das Erwachen, also die Realisierung, dass der Rausch vorbei ist, auch umso schlimmer. Im Kontext der Politik bedeutet das auch eine Form von Rausch, nämlich Größenwahn und Tyrannei.

Jemand, der mit seinem Amt verschmilzt, der sich selbst nicht ohne das Amt oder das Amt ohne sich selbst denkt, ist megaloman. Und im Kontext der Beziehung bedeutet das eben den Selbstverlust oder eine tragische Desillusionierug, wenn das Ende dann doch einmal kommt.

Und was sagt Heraklit dazu?

Man muss sich also das Ende einer Sache denken können, um diese Sache bewusst zu leben. Ein unendliches Leben wäre ein sehr trauriges Leben. Das ist zwar ein alter philosophischer Hut, der aber oft verdrängt wird. Wohl auch, weil das eine große Ende - nämlich unser eigenes Ende - über allem schwebt, und wir versuchen, diesem Ende zu entfliehen, indem wir viele Aspekte des Lebens als unendlich denken. So z.B., unser ganzes gesellschaftliches und ökonomisches System, das auf der Idee des Wachstums, der Maximierung, der Optimierung und der Effizienz beruht.

Dass wir vielleicht einmal aufhören sollten oder - was noch wahrscheinlicher ist - aufhören müssen, das blenden wir aus. Und dennoch gibt es sie - die Momente in denen wir realisieren, dass etwas vorbei ist, dass es nicht mehr so ist, wie vorher. Das erinnert mich ein wenig an jenes berühmte Fragment des griechischen Philosophen Heraklit, der einmal sagte: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen".

Das, weil alles immer fließt, alles ist in einem ewigen Wandel. Wenn wir an das Ufer treten, dann ist der Fluss unwiderruflich verflossen. Und erst dadurch, dass wir an das Ufer treten, dadurch, dass wir aufhören, erkennen wir, dass sich alles wandelt, dass alles fließt. Denn wenn wir im Fluss schwimmen, haben wir kein Bewusstsein von diesem ständigen Wandel. Und um noch einmal die Ausgangsfrage aufzugreifen: vielleicht sollte man aufhören, wenn man Lust darauf hat, in einen neuen Fluss zu steigen...

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