Seismograph Ungewissheit

"Nicht der Zweifel, sondern die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht." So schrieb einst Friedrich Nietzsche, und so meint es auch Dorian Astor in seinem Buch La passion de l'incertitude, in dem er die Ungewissheit gegen unsere heutige Gewissheitssucht in Schutz nimmt.

Lukas Held / Simon Larosche / cbi

Lukas Held
Der Philosophe Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Hallo Lukas! Du hast heute einen Buchtipp für uns.

Lukas Held: Ganz genau, und zwar das Buch La passion de l'incertitude. Der Autor ist der französische Philosophe und Nietzsche-Spezialist Dorian Astor und das Buch ist im September letzten Jahres erschienen.

Das Thema scheint mir aber weiterhin sehr aktuell, weshalb ich es sehr zur Lektüre empfehle. So ist denn auch das Motto des Buches der folgende Satz Nietzsches: "Nicht der Zweifel, sondern die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht."

Das ist kontraintuitiv. Warum soll denn Gewissheit wahnsinnig machen?

Zunächst einmal ist jede Gewissheit immer nur ein Glaube daran, dass man richtig liegt.

Wenn man sich seiner Sache sicher ist, dann liegt man nicht unbedingt richtig, sondern hat nur das Gefühl, Recht zu haben. Und wie jedes Gefühl erklärt sich das Gefühl der Gewissheit nur vor dem Grund anderer Gefühle, wie zum Beispiel der Befürchtung, falsch zu liegen, einer allgemeinen Unsicherheit, der Willen zu beherrschen, sicherlich auch die Lust daran, den anderen argumentativ zu bezwingen.

Die Gewissheit gibt sich immer die Allüren des Objektiven, des Faktischen, aber tatsächlich ist die Gewissheit ein despotisches Gefühl, bei dem es immer auch darum geht, die eigene Unsicherheit zu beherrschen. Jedoch - so meint es zumindest der Autor - ist es unmöglich, sich seiner Sache immer ganz sicher zu sein.

Tatsächlich ist die Unsicherheit die allererste Sicherheit. Das ist schon biologisch so, insofern jedes Lebewesen in einem Unsicherheitsraum existieren und sich darin behaupten muss. Das ist auch noch für uns Menschen so, weshalb es unser natürlicher Reflex ist, das Unbekannte vorhersehbar zu machen, indem wir es erklären und somit beherrschen.

Das erklärt ja aber noch immer nicht Nietzsches Satz...

Wenn man sich ansieht, wie vieles in unserem Leben völlig ungewiss ist, dann erscheint die Inbrunst, mit der wir uns an einigen paar Gewissheiten festklammern, schon sehr verzweifelt, ja beinahe wahnsinnig.

Es ist natürlich klar, dass wir Gewissheiten brauchen, denn ohne Gewissheit ist eigentlich kein Leben und vor allem kein Fortschritt im Leben möglich. Aber müssen wir uns derart an ihnen festklammern, müssen wir uns auf sie behaupten, müssen wir unsere Gewissheiten mit den anderer konfrontieren um dabei zu triumphieren?

All diese Fragen wirft das Buch auf. Schließlich werden aus Gewissheiten sehr schnell Überzeugungen und aus denen dann Ideologien. Es geht bei alldem darum, zu tranchieren. Und das bedeutet, der Realität eine binäre Logik überstülpen, die die Realität sie offensichtlich nicht hat.

Wer eine Überzeugung hat, der hat aufgrund einer winzigen Anzahl von Bestätigungen schon im Voraus entschieden, wie alle Dinge zu sein haben. So werden aus drei Liebesbeziehung alle Beziehungen, aus den eigenen Kindern werden alle Kinder, aus einem Lebensabschnitt wird das ganze Leben, aus einem Malheur wird Pech.

Was dahinter steckt ist eigentlich die Angst davor, sich auf all die Einzelfälle einzulassen, die unseren Überzeugungen in Frage stellen könnte. Was dahinter steckt ist die Angst vor dem, was sich nicht beherrschen lässt - und das sind leider die meisten Dinge

Handelt es sich bei dem Werk also um ein Plädoyer für mehr Unsicherheit?

Zumindest will Astor die Ungewissheit verteidigen gegen unsere Gewissheitsliebe, die ihm zufolge unseren Zeitgeist bestimmt. In der aktuellen Krisensituation wird unsere Gewissheit ja heftig auf die Probe gestellt.

Interessanterweise ist die Reaktion der Politik und der Medien die, immer neue, aber auch immer wieder zu revidierenden Gewissheiten zu produzieren, also provisorische Wahrheiten zu schaffen.

Aber ist es wirklich so gut alle zwei Wochen seinen Gewissheitsstandard aktualisieren zu müsse? Wäre es nicht besser, ein wenig Ungewissheit auszuhalten, anstatt falsche Gewissheiten zu produzieren? Die Ungewissheit ist sicherlich kein angenehmes Gefühl, aber zumindest ist sie offen.

Sie ist mehrdeutig, sie macht aufmerksam und regt das Denken an - und vor allem muss man Vertrauen haben, wenn die Zeiten ungewiss sind. Man muss sich selbst vertrauen, aber man muss noch viel mehr den anderen vertrauen.

All das fehlt uns heute, weil wir die Gewissheiten voraussetzen, anstatt sie selbst zu schaffen. Astor schreibt: "Pour que naisse une certitude, il faut que s'allient l'incertitude et la confiance." Es geht nicht darum, keine Gewissheit zu haben, sondern hinter jeder Gewissheit die ursprüngliche Ungewissheit wahrzunehmen und sich daran zu erinnern, dass die Gewissheit ein kleines Inselchen im Meer des Ungewissen ist.

An der Mediathéik:

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