Seismograph Sich begegnen

Ist das sich über den Weg laufen ein Privileg der realen Welt, oder sind Begegnungen auch im virtuellen Raum möglich? Veranstaltungen, Konzerte, Reisen, Terrassen und Restaurants: langsam kommt wieder ein Gefühl von Normalität auf. Mit dem Sommer kommt endlich wieder mehr Leben in unser Leben. Gemäß dem Prinzip, dass man es nachher ja immer besser weiß, wäre nun der Moment sich zu fragen: was hat uns denn gefehlt, jetzt wo wir es wiederhaben?

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Veranstaltungen, Konzerte, Reisen, Terrassen und Restaurants ...langsam kommt wieder ein Gefühl von Normalität auf. Mit dem Sommer kommt endlich wieder mehr Leben in unser Leben. Gemäß dem Prinzip, dass man es nachher ja immer besser weiß, wäre nun der Moment sich zu fragen: was hat uns denn gefehlt, jetzt wo wir es wiederhaben? Vielleicht das gezapfte Bier statt des zum, an der Tankstelle gekauften Sixpack? Oder der Restaurantbesuch mit seinem ganzen Zeremoniell im Gegensatz zum in immergleichen Plastikdosen eingepackten Take-Away? Das Live-Konzert anstelle der Stream-Veranstaltung? Der City-Trip statt des heimischen Gartens? All das zusammen wahrscheinlich.

Begegnen = sich über den Weg laufen

All diese Dingen haben soweit ich sehe eine Sache gemeinsam, nämlich dass hier die Möglichkeit von Begegnungen bereitsteht. Und damit meine ich Begegnungen mit Menschen, die man vorher noch nicht kannte und die man wohl auch nicht kennen gelernt hätte, wenn nicht diese Veranstaltung, jener Terrassen- oder Restaurantbesuch oder die Reise gewesen wäre.

Das ist das besondere an einer Begegnung: sie hätte auch nicht geschehen können, und eben diese Kontingenz verleiht ihr etwas Besonderes. Da ist jemand dem ich begegne und der mich mehr oder weniger berührt, vielleicht auch stört oder verletzt, aber jedenfalls erscheint hier jemand, jemand anderes. Ich laufe jemandem über den Weg, wie es so schön im Deutschen und auch im Luxemburgischen heißt, was soviel bedeutet wie: mein Weg hat sich mit dem eines anderen gekreuzt. Begegnungen sind, wenn sich Wege kreuzen - und dann steht man sich entweder im Weg, oder man treibt sich voran.

Jedenfalls braucht man dafür einen offenen Raum, der solche Begegnungen zulässt. Und damit ist nicht der virtuelle Raum eines Teams-Meetings gemeint. Das eine verhält sich zum andere wie die Autobahn zur mittelalterlichen Innenstadt.

Begegnung ≠ Meeting

Ich würde behaupten, dass im virtuellen Raum kaum eine Begegnung möglich ist. Der virtuelle Raum - so wie er heute von Firmen wie Microsoft oder Zoom definiert wird - ist kein offener Raum. In einem offenen Raum gibt es kein Zentrum und keine Hierarchie. Im Zoom-Online-Meeting ist das anders, allein schon deshalb, weil jeder der Reihe nach reden muss - ohne den anderen zu unterbrechen.

Das macht natürlich Sinn, sonst wäre es allzu kakophonisch, aber diese durch die Grenzen der Technologie auferlegte Ordnung unterbricht auch den lebendigen Gesprächsfluss. Im lebendigen Gespräch fällt man sich halt ins Wort oder signalisiert qua Körpersprache, ob man einverstanden ist oder eben nicht. Man könnte so weit gehen und sagen, dass das das Online-Meeting autoritäres Verhalten und Management begünstigt: einer spricht, alle hören zu, oder eher keiner hört zu, zumindest weiß der Sprecher das nicht mit Sicherheit, denn er oder sie kann das Augenrollen oder Kopfnicken der anderen nur erahnen. Und wer reagieren will, muss seinerseits die Rolle des blinden Sprechers übernehmen. Dann lieber den Mund halten, den anderen sprechen lassen und die Tortur verkürzen.

Begegnen ≠ Matchen

Man könnte jetzt auch noch virtuellem Dating sprechen und sich die Frage stellen, ob man auf Tinder wirklich jemandem begegnet und was hier genau passiert. Besonders perfide an Tinder oder ähnlichen Seiten finde ich ja, dass man hier sowohl einen One-Night-Stand als auch einen zukünftigen Lebenspartner finden kann.

Insofern unterliegt beides gleichermaßen einer mekantilen Vergleichslogik, einem Abhaken von meist körperlichen Kriterien und natürlich - auf der anderen Seite - dem Anbieten der eigenen Ware. Unter solchen Kriterien sind Begegnungen nur sehr schwer möglich, denn ich muss den anderen erst einmal einschätzen, ich muss das Wahre vom Fake trennen, muss mich aber zugleich in das beste Licht rücken, um überhaupt jemanden zu treffen.

Bei Tinder wird das Treffen zum ökonomischen Tausch. Ich stelle mir die Frage, ob die Migration unseres Lebens in den virtuellen Raum - so wie wir es in den letzten Monaten erlebt haben und so wie es wohl auch weiter bleiben wird - diese Form der Begegnung nicht ersetzt durch etwas anderes, das Meeting oder den Match, d.h. eine sehr kontrollierte Form des Treffens, die wenig Raum für Kontingenz lässt. Mir scheint, dass das sich über den Weg laufen weiterhin ein Privileg der materiellen Welt ist, dass man einen offenen Raum braucht, einen Raum von Möglichkeiten, um eine Begegnung zu machen - eine Begegnung, die auch nicht hätte stattfinden können, die mich irgendwie tangiert und - das ist am Wichtigsten - über die ich nicht verfüge.

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