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/ Pornographie als philosophisches Thema

Prisma

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Pornographie als philosophisches Thema

Was passiert, wenn man versucht, sich diesem Phänomen philosophisch zu nähern? Kann man das eigentlich? Hat die Philosophie der Pornographie überhaupt etwas dazu zu sagen, oder hat sie hier nichts zu suchen? Lukas Held versucht sich dem Thema über die Frage zu nähern, ob Pornographie Kunst ist, oder nicht.

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"If you think artists are useless try to spend your quarantine without music, books, poems, movies, paintings and porn"

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Einladung zum Denken, und zwar in Form eines Facebook-Posts, der auf meiner Wall auftauchte. Es handelte sich um ein Bild, besser gesagt um eine Art Graffiti - mit dem folgenden Wortlaut: "If you think artists are useless try to spend your quarantine without music, books, poems, movies, paintings and porn".

Nun ist allgemein bekannt, dass das Leben ohne Kunst und Künstler ein Graus ist, und das gilt für die Zeit vor, in und nach der Quarantaine. "Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum" wusste schon Friedrich Nietzsche, und ohne Musik-, Sprachen- und Kunstlehrer ist das Schulfest ein Trauerspiel, weiß jeder Schuldirektor. Auch dass Pornographie in Zeiten von social distancing ein beliebtes Konsumgut ist, dürfte wohl niemanden überraschen. Nein, erstaunlich war, dass in dieser eher simplen Aufzählung von Künsten, also zwischen Musik, Prosa und Lyrik, zwischen Film und Malerei auf einmal die Pornographie auftauchte. Pornodarstellerinnen und -darsteller sollen also Künstler im gleichen Maße wie Maler, Musiker und Filmschauspielerinnen sein?

Das kann doch nicht sein, das ist falsch und die Pornographie gehört nicht in diese Reihe - so zumindest mein erster Reflex. Aber warum eigentlich? Warum stört die Pornographie und warum scheint sie nicht mit Kunst zusammenzugehen? Ich schlage vor, diese Einladung zum Denken anzunehmen und den Versuch zu wagen, sich dem Thema Pornographie als Kunst philosophisch zu nähern.

Philosophie als Kritik

Philosophie versteht sich ja als eine Form des Wissens (manche behaupten sogar, sie sei die Königin der Wissenschaft) und im Zentrum eines jeden Wissens steht eine bestimmte Methode oder Technik. Die Technik der Philosophie ist traditionell die Kritik, und Kritik bedeutet Unterscheidungen zu machen. Das klassische Beispiel ist Immanuel Kant, der in seiner Kritik der reinen Vernunft nicht einfach herumnörgelt oder gegen "die da oben" pestet, und auch nicht einfach alles anzweifelt, sondern versucht, die Grenze zu ziehen zwischen dem, was man erkennen kann, und dem was man nur denken kann. Kants Kritik ist nichts weiter als der Versuch, eine Unterscheidung zu machen. Oder ein weiteres Beispiel: Ludwig Wittgenstein, der schreibt - "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen". So trennt Wittgenstein den für ihn relevanten Bereich des Sagbaren von dem für ihn irrelevanten, weil spekulativen Bereich des nur Zeigbaren.

Soweit so gut, aber was hat das mit Pornographie zu tun?

Nun, um kritisch zu sein, also um eine Unterscheidung treffen zu können, muss man sich auf gewisse Maßstäbe beziehen - und eben die sind in Sachen Kunst allgemein und im Bereich der Pornographie im speziellen nur sehr, sehr schwer zu ermitteln. Es gibt zahllose Definitionen dessen, was Kunst ist und sein sollte, doch jede Avant-Garde-Strömung, jede neue Ausstellung, eigentlich jedes Kunstwerk stellt diese Definitionen auf die Probe. Würden wir philosophisch stringent erörtern wollen, ob Pornographie Kunst ist, so müssten wir zunächst eine brauchbare und argumentierte Definition von Kunst formulieren, anschließend dasselbe für die Pornographie tun, um schließlich herauszufinden, ob eine Schnittmenge zwischen den beiden besteht. Dabei geraten wir aber ziemlich schnell in Sackgassen, wie sich recht einfach zeigen lässt.

Pornographie als Kunst?!

Nehmen wir einmal die klassische Definition von Pornographie, derzufolge es sich bei ihr um die explizite bildliche Darstellung von Sexualorganen und/oder sexuellen Praktiken handelt. Dann müsste entweder ein ziemlich großer Bereich unserer Museen und Bibliotheken für Minderjährige geschlossen werden, oder man müsste sich eingestehen, dass nicht jede Darstellung sexueller Akte pornographisch ist. Jetzt können sie mir entgegnen: Pornos bedienen sich gewisser Stilelemente, die unverkennbar sind. Anders gesagt: gewisse kinematographische und narrative Codes machen den Porno direkt als solchen erkenntlich, wie bspw. der Fokus auf die Intimsphäre, die grelle Inszenierung der Körper, der - im Fall der Pornofilme - primitive oder einfach inexistente Plot oder die immergleiche Choreographie von Sexualpraktiken.

Darauf würde ich antworten, dass Künstler wie z. B. Jeff Koons, Paul McCarthy, Robert Mapplethorpe oder Terry Richardson sich genau dieser Codes bedient haben, um Kunst zu machen, die international als solche gehandelt und anerkannt wird. Denken sie z. B. an Koons' Serie "Made in Heaven" von 1990, die den Künstler beim Sex mit seiner damaligen Partnerin Cicciolina (übrigens eine ehemalige Pornodarstellerin) zeigt. Formal gesehen wäre sie Porno, aber sie als Pornographie zu bezeichnen wird der Sache nicht gerecht.

Nun sind sie, werte Zuhörerinnen, natürlich kritische Geister und weisen mich darauf hin, dass Pornographie im Gegensatz zur Kunst die erklärte Absicht hat, ihren Betrachter sexuell zu stimulieren. Gut, aber würde das im Rückkehrschluss nicht bedeuten, dass etwas aufhört, pornographisch zu sein, wenn die sexuelle Stimulation verschwindet, dass der Porno nach der Masturbation also kein Porno, sondern nur mehr ein Film ist? Und wie soll man von diesem Maßstab aus erotische Kunst wie z. B. die Pin-Ups bewerten, die heute keinen mehr aus der Reserve locken, vor achtzig Jahren jedoch noch der Gipfel der Obszönität waren?

Dasselbe gilt für das Argument, Pornographie sei ein Konsumgut und in ihrem Wesen auf Kommerzialisierung ausgelegt. Aber es ist naiv und realitätsfern zu glauben, dass Kunst nichts mit Kommerz zu tun hat. Es blendet die Tatsache aus, dass die Kunst sich nie dem Kommerz verschlossen hat und auch heute noch darauf angelegt, verkauft, konsumiert und benutzt zu werden. Man sieht: die Grenzen zwischen Kunst und Porno lassen sich nicht so einfach ziehen, die Kritik der Pornographie scheitert an der Willkür der Maßstabsetzung.

Philosophie ohne Kritik

Und trotzdem stört die Pornographie. Warum? An ihr stört, dass sie sich dem kritischen Unterscheidungswillen entzieht - und das obwohl sie nichts versteckt, obwohl sie alles zeigt. Im Porno gibt es kein Mysterium, kein Geheimnis, im Porno wird nichts kaschiert, es gibt keine Verführung, keine Zweideutigkeit, an der sich die Leidenschaft und damit auch das Denken erregen könnte. Im Gegenteil, der Porno zeigt immer zu viel, viel zu viel, viel zu schnell, zu direkt; die Bilder sind einfach da, roh, ohne Kontext, ohne Filter, ohne Pause, ohne Raum.

Der Porno unterbindet jeden Versuch, sich zu ihm auf Distanz zu setzen, aber eben dieser Distanz bedarf die philosophische Kritik, denn sie braucht Anhaltspunkte, sie will trennen und analysieren, sie will das sichere Wissen, die Wahrheit. Im Porno gibt es allerdings keine Wahrheit, die Philosophie hat hier im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu suchen. Je banaler, je vulgärer, je oberflächlicher eine Sache ist, desto schwieriger scheint es für die philosophische Kritik, dieser Sache beizukommen.

Die Pornographie zählt zu jenen Phänomenen, die etwas mit uns machen, denen man sich aber nicht mit dem Anspruch auf Wahrheit oder gesichertes Wissen nähern kann. Eben das stört an solchen Phänomenen: sie stellen das Selbstverständnis der Philosophie in Frage. An ihnen wird deutlich, wie gewaltsam, wie scharf der Gestus der Kritik ist, die versucht, zu be-greifen (im Sinne von festhalten), zu kategorisieren, zu bewerten und zu rechtfertigen. Es ist allerdings fraglich, ob sich diese kritische Schärfe durchhalten lässt, wenn sie bereits an Banalitäten wie der Pornographie scheitert.

Unter diesem Gesichtspunkt wirkt die Eingangsfrage, ob Pornographie Kunst sei, auch völlig lächerlich. Was gewinnt man eigentlich, wenn man eine solche Frage beantwortet? Es ist doch irrelevant, ob diese oder jene Sache nun Pornographie oder Kunst ist, da die Antwort weder der Komplexität der Pornographie noch der der Kunst gerecht wird - und vor allem nicht ihrer Wirkung auf uns.

Ausgangspunkt des Denkens sollten m. E. aber gerade diese Wirkung sein, und nicht die Begriffe und Kategorien, die wir ihnen überstülpen um sie so zu ersticken. Wir Philosophen und kritische Denker müssen uns die Frage stellen, mit welcher Absicht wir uns denkend der Welt nähern, welche Intention wir verfolgen, wenn wir sie interpretieren und mit Begriffen belegen. Wollen wir ein Phänomen wie die Pornographie denkend bezwingen, haben wir schon beschlossen, was sie ist, oder wollen wir sie im Gegenteil ernst nehmen und uns auf sie einlassen, ohne zu wissen, wohin uns dieser Weg führt und was wir gewinnen. Diese Frage muss jeder Denker für sich selbst beantworten.