Prisma Philosophische Mythen: Der Leviathan

Mythos a Philosophie - tëschent béide besteet zanter ëmmer nach e schwieregt Verhältnis. E Mythos proposéiert dobäi en Denken a konkrete Biller, an d'Philosophie éischter en Denken an abstrakte Begrëffer. Ma nawell gräift d'Philosophie dacks op Mythen zeréck, fir hiert abstrakt Wëssen méi däitlech ze maachen. An der Serie iwwer philosophesch Mythen stellt eisen Hausphilosoph e puer vun dëse Mythen vir, an erkläert och hier Bedeitung. Haut geet et ëm e mythescht Ongeheier aus dem Mier.

Lukas Held

Leviathan

Wenn man die Kernaussage eines Buches kennen will, muss man es lesen. Manchmal, aber nur manchmal, genügt jedoch auch ein Blick auf das Cover, um zu wissen, worum es bei diesem Buch geht. Im Falle eines Romans ist das sicherlich nicht erwünscht - wer will denn schon auf dem Titelblatt sehen, wer der Mörder ist oder die Welt rettet? Im Falle von komplizierten philosophischen Traktaten ist eine solche Zusammenfassung jedoch herzlich willkommen. Don't judge a book by its cover heißt es ja im Englischen. Für Thomas Hobbes' Hauptwerk Leviathan gilt das Gegenteil, denn das Frontispiz des Werks versucht, dessen Kernthesen auf einen Blick darzustellen. Googlen Sie das Bild am besten einmal selbst, während ich trotzdem kurz versuche, es zu beschreiben. Man sieht auf diesem Bild einen großen Menschen, einen Riesen, der aus dem Meer heraus über eine menschenleere Stadt ragt. Der Körper dieser Kreatur besteht aus vielen kleinen Menschen - offensichtlich den Bürgern der Stadt - die ihren Blick zum Kopf hin wenden. Der Kopf hat ein menschliches Gesicht und trägt eine Krone - eine Art Herrscher also. In seiner rechten Hand trägt er ein Schwert und in der linken einen Bischofsstab. Über diesem Bild finden wir einen lateinischen Spruch, tatsächlich ein Bibelzitat aus dem Buch Hiob. Der Satz lautet Non est potestas super terram quae comparetur ei. Für einige haben sich jetzt gerade die sechs Jahre Latein im Lycée gelohnt, für all die anderen gibt es - Martin Luther sei Dank - auch eine Übersetzung, und die lautet: Keine Macht auf Erden ist dieser Macht gleich. Also nochmal zur Zusammenfassung: eine riesige Kreatur, deren Körper aus vielen einzelnen Menschen besteht, deren Kopf den Herrscher darstellt, ausgestattet einerseits mit der weltlichen Macht der Armee und andererseits mit der geistigen Macht der Kirche, von der es heißt, sie sei die größte Macht auf Erden. Jetzt fragen Sie sich bestimmt, was dieses Bild darstellt. Nun, was Hobbes mit diesem Bild symbolisieren will, ist seine Vorstellung des Staates.

Freiheit vs. Sicherheit

Das muss ich ganz kurz erklären. Für Hobbes ist der Naturzustand des Menschen - also der Zustand, in dem wir leben würden, wenn es keine staatliche Gewalt und keine Herrschaftssystem gäbe - für Hobbes ist dieser Naturzustand ein Kriegszustand, ein Zustand des Chaos. Jeder kämpft um sein Leben, und jeder kämpft gegen jeden. Warum? Nun, weil der Mensch von Natur aus ein individualistisches, selbstsüchtiges und egoistisches Wesen ist. So sieht es zumindest Thomas Hobbes, der zugegeben kein besonders positives Bild vom Menschen hat. Um diesen unhaltbaren Naturzustand zu überwinden schlägt Hobbes eine Art hypothetischen Vertrag vor, einen fiktiven Deal, den alle Menschen miteinander freiwillig eingehen. Dieser Vertrag sieht vor, dass die Menschen auf ihre naturgegebene Freiheit verzichten, sich also selbst zurücknehmen, um dadurch an Sicherheit zu gewinnen. Und um diesen Vertrag zu garantieren, um sicherzugehen, dass niemand diese Abmachung bricht, wird eine Instanz bestimmt, die durch Sanktionen dafür sorgt, dass alle Menschen sich an die vereinbarten Regeln halten. Diese Instanz nennt Hobbes den Souverän, und dieser Souverän hat das Monopol der legitimen Gewalt, womit immer auch die physische Gewalt gemeint ist. Für Hobbes ist dieser Souverän ein einzelner Mensch - z.B. eine Art König. Aber auch eine Gruppe von Leuten könnte theoretisch diese Funktion einnehmen.

Staat als Kunstprodukt

Wir haben also drei Instanzen in diesem ganzen großen Gebilde - und alle drei finden sich auf dem besagten Frontispiz, also auf dem Titelblatt des Werks. Da wäre zunächst einmal das Volk - der Körper. Dann der Souverän - der Kopf. Das Volk überträgt dem Souverän die Macht und erlaubt es ihm, im Gegenzug für den Verzicht auf Freiheit für die allgemeine Sicherheit zu sorgen. Und dieses ganze Gebilde, Kopf und Körper, Volk und Souverän, diese ungeheuerliche durch Vertrag erschaffene Kreatur, die nennt Hobbes den Staat. Noch einmal: die Menschen werden sich einig, ihre Macht auf einen Menschen zu übertragen. Dadurch entsteht etwas, das viel größer ist als die Summe seiner einzelnen Teile, etwas, das unheimlich mächtig ist, weil alle in diesem Gebilde vereint handeln und der Willen aller in dieses Handeln einfließt. Das Bahnbrechende an Hobbes' Theorie ist nun, dass dieses staatliche Gebilde ein ganz und gar menschliches Produkt ist. Bei Hobbes bedarf es keiner göttlichen Legitimierung des Herrschers, es braucht kein "Par la grâce de Dieu" mehr. Der Staat ist ein menschliches Kunstprodukt, eine Maschinerie, die per Vertrag gebildet wird und an der alle Bürger teilhaben. Und dieses Gebilde, dieses riesige Staatswesen, nennt Hobbes nun den Leviathan. Und er fügt hinzu, dass es sich bei diesem Leviathan um einen "sterblichen Gott" handelt. Daher rührt der Titel seines Werks. Aber was ist dieser Leviathan? Und warum benutzt Hobbes diesen Begriff, und nennt es nicht einfach den Staat, oder den Bund oder die Allianz oder sowas?

Seeungeheuer

Im alten Testament ist tatsächlich an einigen Stellen die Rede von einem riesigen Seeungeheuer namens Leviathan. Nun ist der Leviathan nicht das einzige Ungeheuer der jüdischen Mythologie, es gibt daneben noch den Behemoth - eine riesiges Landmonster - und den Vogel Ziz, der Herr der Lüfte. Wie man unschwer erkennen kann stehen die drei Wesen für die drei Gegenden der Erde, eben das Wasser, das Land und die Lüfte. Man hat im Leviathan ein Krokodil und im Behemoth einen Elefanten oder ein Nilpferd erkennen wollen, und das mag auch irgendwie begründet sein, aber es hilft uns nicht wirklich weiter. Bleiben wir einmal bei der Überlieferung. Im Buch Hiob heißt es, dass Gott selbst den Leviathan erschaffen hat - wie natürlich alles andere auch - und zwar am 5. Tag der Schöpfung. Der Leviathan wird als eine gigantische Seeschlange beschrieben, mit brennenden Augen, mit Feueratem, der die See kochen lässt, einem harten Panzer und scharfen Zähnen. Im Buch Hiob heißt es: " Wenn man zu ihm will mit dem Schwert, so regt er sich nicht [...] Kein Pfeil kann ihn verjagen [...]. Auf Erden ist ihm niemand gleich. Er ist gemacht, ohne Furcht zu sein." Der Leviathan ist also eine Art schrecklicher Unterwasser-Drache. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: warum sollte Gott ein solches Wesen erschaffen? Warum braucht es den Leviathan im Schöpfungsplan, welche Rolle spielt ein solches Wesen? Und warum setzt Hobbes den Staat mit einem Leviathan gleich?

Chaoskampf

Ehrlich gesagt wissen wir nicht genau, warum Hobbes eben diesen Vergleich zog - zumindest hat er sich nicht explizit dazu geäußert. Man hat vermutet, dass das Seeungeheuer Leviathan die Seemacht Englands symbolisieren sollte. Andere sahen im Leviathan eine Art Schreckmythos, der die Menschen in Angst vor den absolutistischen Herrscher versetzen sollte. Etwas platter könnte man im Begriff "Leviathan" schlicht eine Metapher für Allmacht sehen - schließlich ist der Leviathan, nach Gott himself, das wohl mächtigste Wesen der Schöpfung. Versuchen wir es zum Abschluss einmal mit Rückblick auf die Bibel. Was im Leviathan-Mythos anklingt, ist ein altes mythologisches Motiv, und zwar die Idee des Chaoskampfs. Mit diesem Wort bezeichnet man den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, oder besser: zwischen der Ordnung und dem Chaos. Fast jede mythologische Tradition behandelt diesen Kampf zwischen dem drohenden Chaos - meist in Form einer riesigen Schlange oder eines Drachens - und einem Helden oder einer anderen mächtigen Instanz, die das Chaos besiegt. Oder besser gesagt: im Zaum hält, denn das Chaos verschwindet niemals völlig, ebenso wie das Böse niemals völlig aus der Welt verschwindet. Aus diesem Kampf geht die Schöpfung hervor. Was ist nun die Parallele zwischen Hobbes und dem Motiv des Chaoskampfs? Der Leviathan steht als Sinnbild für das im Zaum gehaltene Chaos - in der Bibel ist es Gott, der den Leviathan im Zaum hält, und bei Hobbes sind es die Menschen selbst, die sich im Zaum halten. Wichtig ist, dass die Möglichkeit der Rückkehr in das Chaos immer besteht. Die Ordnung kann nur bestehen, weil ihr permanent die Bedrohung durch das Chaos im Nacken liegt. Politisch übersetzt würde das bedeuten, dass der Staat nur existieren kann, weil ständig die Möglichkeit eines Bürgerkriegs in der Luft liegt. Auf der einen Seite also im Zaum gehaltenes Chaos und auf der anderen Seite eine immer vom Zusammenbruch bedrohte Ordnung. Das ist das Wesen des Staates. Und auch wenn - wie der Bibelspruch sagt - es keine größere Macht auf Erden gibt, als den Leviathan, als den Staat, so ist diese Macht doch immer auch ohnmächtig und vom Chaos bedroht. Der Leviathan ist ein fragiles Gebilde. Und jetzt dürften wir besser verstehen, was Hobbes meint, wenn er sagt, dass der Leviathan ein sterblicher Gott ist.

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