Seismograph Natürlich leben?

In letzter Zeit scheint sich vieles um die Idee der "Natürlichkeit" zu drehen. Wir wollen uns von der ganzen Künstlichkeit freimachen und wieder zurück zur Natur finden. Aber eben dieser Begriff, der ist ziemlich unklar.

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Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Ich weiß nicht, ob der Monat Januar das mit sich bringt, aber in letzter Zeit scheint sich vieles um die Idee der "Natürlichkeit" zu drehen. Ich habe kürzlich eine Liste der Top-Neujahrsvorsätze gesehen. Neben "Weniger Stress" und "Mehr Zeit mit der Familie verbringen" rangiert da häufig auch der Vorsatz, ein natürlicheres Leben zu führen.

Ja und auch der, mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Dementsprechend ist die kleine abgelegene cabane im Wald oder in den Bergen gerade auch heißbegehrt bei allen Touristen. Ich denke aber auch an Detox-Kuren, an Bio-Produkte, an Apps, die dir beim Technikentzug helfen sollen - all das deutet für mich auf einen gewissen Willen nach Natürlichkeit hin. Wir wollen uns von der ganzen Künstlichkeit freimachen und wieder zurück zur Natur finden. Aber eben dieser Begriff, der ist ziemlich unklar.

Was bedeutet "natürlich"?

Was sagt die Philosophie dazu? Eine klassische Definition von Natur kommt uns vom großen antiken Denker Aristoteles. Aristoteles sagt, - wie immer sehr lakonisch - dass es Dinge gibt, die von Natur aus sind und Dinge, die nicht von Natur aus sind.

Den Dingen, die von Natur aus sind, wohnt ihm zufolge ein Drang zur Veränderung inne - was jedoch nicht der Fall ist für hergestellte Dinge. Die Natur ist also eine Art inneres Prinzip des Wandels, ein Werden, oder besser noch: eine "Gerichtetheit".

Einfach gesagt: die Natur ist das, was sich immer weiterentwickelt. Diese Idee finden wir auch bei einem wichtigen Philosophen des 20. Jahrhunderts, nämlich Maurice Merleau-Ponty. Der sagt uns : "Il y a nature partout où il y a une vie qui a un sens, mais où, cependant, il n'y a pas de pensée". Ein lebendiges Werden ohne Denken also, das wäre also die Natur.

Das bedeutet im Rückkehrschluss, dass der Mensch nicht mehr Teil dieser Natur ist. Als denkendes Wesen ist der Mensch der Natur sozusagen entsprungen. Wir sind der Evolution auch nicht mehr unterworfen, wir sind aus dem Werden der Natur ausgetreten. Der Mensch hat sich stattdessen eine 2. Natur geschaffen - was man auch die Kultur nennt. Damit meint man seine Riten und Traditionen, seine Kleidung, seine Sprache, etc.

Natur und Kultur

Aber es ist gar nicht so leicht, beim Menschen scharf zwischen Natur und Kultur zu trennen - manche Philosophen und Anthropologen glauben sogar, dass das prinzipiell unmöglich ist. Wenn man nämlich zwischen Natürlichem und Künstlichem trennt, dann setzt man ja voraus, dass sich die eine Schicht sozusagen auf die andere legt; und dass man nur die eine, die künstliche Schicht wegkratzen müsste, um "zurück zur Natur" zu kommen.

Aber so einfach ist es nicht, denn bei uns Menschen sind diese beiden Bereiche eng miteinander verwoben. Merleau-Ponty gibt da ein interessantes Beispiel: während ein wütender Franzose schreit und mit der Faust auf den Tisch haut, geht ein wütender Japaner ganz anders mit dieser Emotion um: er oder sie lächelt. Japaner und Franzose haben denselben Körper, aber die Art und Weise, wie beide ihren Körper einsetzen, um ihre Emotionen zu kommunizieren, ist kulturell geprägt. Ebenso verhält es sich mit der Sprache: sie ist eine körperliche Eigenschaft, bedingt durch die Position unseres Kehlkopfs aber undenkbar ohne einen kulturellen Kontext.

Natur - und Mensch?

Nun könnte man sagen, dass die indigenen Völker doch ein natürliches Leben vorleben. Aber Achtung: wir würden auch hier eine künstliche Trennung einführen. Diese indigenen Völker unterscheiden nämlich nicht zwischen der Natur und ihrer Kultur, sondern für sie ist die Natur ein Teil ihres Lebens, ebenso wie für uns Familienmitglieder ein Teil unseres Lebens sind. Ob nun Mensch oder Tier oder Pflanze oder Stein - für sie ist alles dasselbe, es gibt da keinen wesentlichen Unterschied.

Das Konzept "Natur" ist tatsächlich ein sehr europäisches Konzept. Wie mit jedem Begriff versuchen wir auch mit diesem etwas zu greifen, zu besitzen und auf Distanz zu halten. Descartes' berühmte Formel vom Menschen als "maître et possesseur de la nature" erwächst direkt aus dieser Denktradition - aus der Idee, dass es die Natur gibt, und daneben uns, die denkenden Menschen.

Und unser Wille, natürlicher zu leben, zurück zur Natur zu kommen, ja der bestätigt diese Trennung eigentlich nur. Wir Menschen können nicht "natürlich werden" - das ist ein Widerspruch in sich, denn etwas werden zu wollen, das ist schließlich der Inbegriff von Künstlichkeit. Und so bleibt die Natur auch weiterhin etwas Mysteriöses. Und das ist auch gut so, denn dann kann man weiter über sie nachdenken.

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