Prisma Mythos vs. Logos

Mythos und Philosophie - zwischen beiden besteht seit jeher ein konfliktreiches Verhältnis. Während der Mythos ein Denken in konkreten Bildern ist, ist die Philosophie ein Denken in abstrakten Begriffen. Und dennoch greift die Philosophie oft auf Mythen zurück, um ihr abstraktes Wissen zu veranschaulichen. In seiner Serie stellt Lukas Held einige dieser philosophischen Mythen vor und erklärt deren Bedeutung. Heute geht es um den Unterschied von Logos und Mythos und die Frage, ob beide wirklich so verschieden sind.

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosop Lukas Held. Foto: Archiv

Thales trifft Tintin

Es gibt wohl kaum einen Philosophen, der so viele Mythen in seine Schriften integriert hat, wie Platon. Dabei war es Platon selbst, der den Mythos sehr streng von der Philosophie, der den mythos vom logos getrennt hat. Und trotzdem tauchen bei Platon immer wieder mythische Erzählungen auf, z.B. der Mythos von den Kugelmenschen, vom Ring des Gyges oder der Mythos der Seelenwanderung. Das wirft die Frage auf, ob mythos und logos wirklich so strikt voneinander zu trennen sind und welche Funktion ein "philosophischer Mythos" eigentlich hat.

Aber gehen wir der Reihe nach, fangen wir noch einmal von vorne an. Und das bedeutet in der Philosophie eigentlich immer beim antiken Denker Thales von Milet. Der lebte im 7. Jahrhundert v. Chr. und gilt allgemein als der Begründer des wissenschaftlichen Denkens.

Eine berühmte Anekdote aus seinem Leben mag das illustrieren. Es heißt nämlich, dass Thales eine Sonnenfinsternis vorausgesagt habe, durch reine Berechnung, also allein durch wissenschaftliches Denken.

Als ich diese Anekdote an der Uni zum ersten Mal hörte, muss ich unweigerlich an eine Szene bei Tintin denken, aus dem Band Le temple du soleil. Tintin, Haddock und Tournesol sind von Inkas gefangen genommen worden und sollen bei Tagesanbruch ihrem Sonnengott geopfert werden.

Tintin gibt sich erstaunlich entspannt, als man ihn zum Scheiterhaufen führt. Plötzlich tritt eine Sonnenfinsternis ein. Tintin macht sich die Angst der sonnenanbetenden Inka zunutze und gibt vor, selbst über die Sonne zu gebieten. Die drei werden befreit und später erfährt der Leser, dass Tintin bereits vorher von dem astronomischen Ereignis aus einem Zeitungsschnipsel erfahren hatte. So hatte er die Sonnenfinsternis vorhersehen können.

Logos und Mythos

Was Thales vor 2700 Jahren tat, ist dem nicht ganz unähnlich. Thales bewies, dass es möglich ist, unerklärliche Phänomen nicht einfach dem mythischen Denken zu überlassen, sondern rational zu erklären.

Der Mythos ordnet ein außergewöhnliches Ereignis wie z.B. Sonnenfinsternis nämlich immer erst a posteriori in sein Weltbild ein - z.B. als Strafe eines Sonnengottes für mangelnde Opfergaben.

Der Logos hingegen greift dem Unerklärlichen vor und macht es so verständlich und begreifbar. Eine Sonnenfinsternis vorauszusagen bedeutet, dass wir uns der Welt nicht einfach ergeben müssen, sondern dass wir in den Weltenlauf aktiv eingreifen können - eben weil er uns ersichtlich werden kann, dank unseres Verstandes.

Es bedeutet aber auch - und das ist ebenfalls eine wichtige Lektion der Tintin-Geschichte - dass wir unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen, dass wir unserem Verstand und der Wissenschaft vertrauen können, so wie Tintin der Zeitungsvorhersage vertraute, weil er wusste, dass hier eben nichts Übernatürliches geschieht und auch nicht etwa die Götter ihre Hände im Spiel haben. Der logisch Denkende hat verstanden, dass man sich nicht fürchten muss vor der Natur. Die Furcht ist der Antrieb des mythos, die Überwindung der Furcht die Funktion des logos.

Alles voller Götter hier!

Kommen wir noch einmal zurück zu den Göttern - eben über die soll sich der gute Thales nämlich auch beschwert haben. Genauer gesagt über die Tatsache, dass es von ihnen zu viele gäbe. "Alles ist voll von Göttern!" soll Thales ausgerufen haben. Man kann das als einen Ausdruck des Überdrusses, als eine Art coup de gueule gegen den damaligen Polytheismus interpretieren.

So verstanden sagt der Satz, dass es zu viele Götter gibt, dass man sich vor lauter göttlichen Erklärungen kaum mehr zurechtfindet in der Welt, ja dass es keine Logik mehr gibt. Man kann den Spruch durchaus auch anders lesen.

Wenn nämlich "Alles voller Götter ist", ja dann ist auch alles irgendwie miteinander verbunden. Vielleicht - so fragt sich Thales - gibt es ja ein Prinzip, dass die Welt antreibt, einen gemeinsamen Grund für alles. Für ihn ist dieses Prinzip, dieses arché, das Wasser. Denn - so sein raisonnement - alles was lebt entsteht aus dem Feuchten und braucht das Wasser, um weiterzuleben ... und es genügt, einen Blick in die Welt zu werfen, um das zu bestätigen.

Und da haben wir ihn, den berühmten logos, bestehend aus genauer empirischer Beobachtung, gepaart mit logischer Deduktion und präziser Synthesegabe. Aus diesem Grund wird Thales von Milet als der erste Wissenschaftler und zugleich der erste Philosoph gehandelt. Bei Thales muss der Mythos endgültig dem Logos weichen. Nach dem Motto: logische Prinzipien anstatt willkürlicher Götter.

Der Mythos vom Ende des Mythos

Aber ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht, und die Geschichte vom plötzlichen Auftritt des Logos, also des wissenschaftlichen Denkens bei den alten Griechen ist selbst ein Mythos der Philosophiegeschichte - zugegeben einer, der sich ziemlich hartnäckig hält. Die Sache ist nämlich - wie immer - viel komplizierter; angefangen bei Thales' Bestimmung des Urprinzips "Wasser". Viele Kommentatoren haben darin eine abstraktere Version des griechischen Gottes Okeanos erkannt.

In seiner Ilias bezeichnet der Dichter Homer eben diesen Okeanos als den Ursprung von allem. Sounds familiar, doens't it? Tatsächlich wissen wir nicht, wie Thales sich sein "Prinzip Wasser" wirklich vorgestellt hat, ob nun als einen anthropomorphen Gott oder als abstrakten philosophischen Urstoff. Auch die Beobachtungen und Vorhersagen des Thales sind nur scheinbar wissenschaftlicher Natur. Wenn Thales im Wasser das erste Prinzip erkennt, dann muss man das weniger eine Deduktion und vielmehr als eine Divination verstehen, als eine Vorhersage, ebenso wie damals Menschen aus dem Flug der Vögel die Zukunft ableiten wollten.

Und was ist nun mit der vorausgesagten Sonnenfinsternis, fragen Sie sich jetzt vielleicht? Nun, Spezialisten der antiken Astronomie haben herausgefunden, dass bei dem damaligen Stand der Wissenschaft die Berechnung einer Sonnenfinsternis schlicht unmöglich war. Sogar die fortgeschrittenen Astronomen ihrer Zeit, nämlich die Babylonier, hätten ein solches Ereignis nicht voraussagen können. Das bedeutet wiederum, dass Thales die Sonnenfinsternis nicht deduziert, sondern diviniert, prophezeit hat. Thales vertraute also auf die Zeichen der Götter, ebenso wie Tintin auf die Zeichen auf einem Blatt Papier vertraute...

Vom Rudern und vom Segeln

Was sagt uns dieses Beispiel über das Verhältnis zwischen Mythos und Logos in der Antike? Es sagt uns, dass das mythische Denken - und damit auch das religiös-kultische Denken - immer eng verflochten war mit dem philosophischen Denken, dass sich die beiden niemals völlig voneinander lösten.

Der Mythos ist ein Denken des Ursprungs, eine Reflexion über Sinn und Entstehen der Welt. Dabei besitzt jeder Mythos eine gewisse Form, einen Sinn und eine ihm inhärente Logik, die mehr oder weniger nachvollziehbar ist. Der Mythos macht das Unsichtbare sichtbar, er bringt das Unbegreifliche auf einen Begriff. In all dem sind sich Philosophie und Mythos letztlich nicht ganz unähnlich.

Und dennoch gibt es wesentliche Unterschiede, und damit kommen wir wieder zurück zum Ausgangspunkt, nämlich Platon. Für Platon ist das mythische Denken ein Denken in Bildern und Erzählungen, während die Philosophie und Wissenschaft ein Denken in Begriffen ist. Für Platon verhält es sich bei mythos und logos wie mit dem Rudern und dem Segeln.

Das Rudern ist zwar sehr viel anstrengender und langsamer, dafür aber geradliniger im Vergleich zum Segeln. Während die mythischen Segler sich von allerlei Winden hierhin und dorthin führen lassen, verfolgt der philosophische Ruderer selbstbestimmt eine klare Richtung - entgegen der Winde, die auf ihn einwirken. Nächste Woche werden wir sehen, dass auch Platon seine philosophischen Ausführungen mit mythischen Erzählungen spickte.

Das ist aber kein Widerspruch. Der Mythos, das Denken in Bildern gibt eine allgemeine Orientierung dort, wo die abstrakten Begriffe nicht mehr sagen können, was der Denker vor dem geistigen Auge sieht. Denn sich seinen Mitmenschen mitzuteilen, ihnen zu sagen, was er sieht, ist das Ziel eines jeden denkenden Menschen.

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