Seismograph Mut zur Wahrheit

Mit dem Begriff parrhêsia bezeichnete man in der Antike die Offenheit in Bezug zur Wahrheit, oder auch den Mut, die Wahrheit zu sagen, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Wie sich dieser Begriff auf die Plagiatsaffäre um Xavier Bettel anwenden lässt erklärt Lukas Held.

Lukas Held

Als ich mir Herrn Bettels Statement durchgelesen und die darauffolgenden Debatten angehört oder gelesen habe, musste ich an einen philosophischen Begriff denken, der mir ziemlich gut auf die ganze Sache zu passen scheint.

Ich denke hier natürlich nicht an die Formel "nach bestem Wissen und Gewissen", die ja nichts weiter als eine juristische Platitüde. Herr Bettel schwächt diese Platitüde noch einmal ab durch den Verweis darauf, dass er die Arbeit "in seiner Erinnerung nach bestem Wissen und Gewissen" verfasst habe.

Die Erinnerung, das weiß der Anwalt, der Herr Bettel schließlich ja auch ist, kann ziemlich löcherig sein. Und einmal abgesehen davon, dass man nicht "besten Gewissens" plagiieren kann, müsste man sich vielleicht einmal die ethische Frage stellen, ob der Verweis auf das "beste Wissen und Gewissen" reicht, um sich von aller Schuld reinzuwaschen. Wird der Grad meiner Verantwortung wirklich allein durch mein "bestes Wissen" begrenzt? Ist das nicht ein sehr schwammiger Begriff, dieser Superlativ des Wissens?

Soweit der Vorsatz reicht

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb bereits 1835 in seiner Ästhetik, dass der moderne Mensch nur bereit ist, soviel Schuld auf sich zu nehmen, wie er vorsätzlich in Kauf genommen hat. Hegel sagt: "Die Tat kann nur als Schuld des Willens zugerechnet werden." Das - so meint es Hegel - unterscheide den modernen Menschen vom - wie er es nennt - heroischen Charakter. Der macht nämlich die Unterscheidung zwischen dem subjektiven Vorsatz und den objektiven Konsequenzen der Handlung nicht. Hegel gibt das Beispiel des Ödipus, der sich nicht und niemals bewusst war, dass er seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hatte - und dennoch die volle Verantwortung für seine Handlungen nahm.

Parrhêsia

Tatsächlich scheint mir der griechische Begriff parrhêsia besser passen. Der Begriff kommt aus der griechischen Antike und bedeutet soviel wie "freie Rede" oder "alles sagen", "über alles sprechen". Worum es dabei geht, ist eine Art Offenheit in Bezug zur Wahrheit, und zwar in dem doppelten Sinn dass man einerseits bereit ist, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, ja dass man die Wahrheit als seine Pflicht anerkennt, auch wenn das ganz dramatische, ja sogar lebensgefährliche Konsequenzen für einen selbst haben kann.

Man denke da nur an Whistleblower vom Stile Julian Assanges oder Antoine Deltours, die die Wahrheit enthüllen, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Aber Offenheit zur Wahrheit auch in dem Sinne, dass man selbst bereit ist, die Wahrheit zu hören, bspw. von einem Freund oder von einem Lehrmeister. Der französische Philosoph Michel Foucault, der sich eingehend mit diesem Begriff auseinandergesetzt hat, hat die parrhêsia einmal den Mut zur Wahrheit, le courage de la vérité genannt. Und damit meint er noch mehr als das aveu, also das Geständnis.

Das Statement, das Herr Bettel ziemlich prompt nach der Enthüllung des Plagiats abgegeben hat, entspricht offensichtlich nicht einem mutigen Verhältnis zur Wahrheit und noch nicht einmal einem wirklichen Geständnis. Stattdessen: Abschwächung und Rhetorik - sich alle Optionen offenhalten und dabei bloß nicht das Gesicht verlieren. 500 Jahre Machiavellismus haben eben ihre Spuren hinterlassen und das Bild maßgeblich beeinflusst, das wir uns von einem Politiker und Politiker von sich selbst machen. Ich sehe hier jedenfalls eine vertane Chance, Mut zur Wahrheit zu zeigen.

Offenheit für die Wahrheit

Herr Bettel konnte zumindest darauf zählen, dass seine Parteikollegen ihm loyal zur Seite stehen, in einigen Fällen sogar bis zur Lächerlichkeit. Auch wieder eine vertane Chance, Offenheit zur Wahrheit zu beweisen, auch hier also keine Parrhesiasten. In der Antike war eine der Eigenschaften eines guten Herrschers diese, sich mit ebensolchen Parrhesiasten zu umgeben, also mit Menschen, die wahr sprechen - auch wenn diese Wahrheit störte und es riskant war, sie auszusprechen.

Heute schätzen wir Loyalität viel höher ein, auch auf Kosten der Wahrheit. Warum eigentlich? Warum geben wir Menschen ein Forum, die sich der wahren Rede verschließen und stattdessen ihre eigenen politischen Interessen in den Vordergrund stellen?

Aber bei aller Kritik müssen wir als Gesellschaft uns auch fragen: sind wir eigentlich bereit, das franc-parler also die freie Rede der parrhêsia zu hören? Wollen wir das Risiko der Enttäuschung (im wörtlichen Sinne) eingehen, sind wir selbst wirklich offen für eine wahre Rede? Und wenn ja: welche Zeichen geben wir dafür? Wie manifestiert sich unser eigener Wille zur Wahrheit? Oder wollen wir nur das hören, was uns in den Kram passt?

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SOT EMOL

Schoulmeeschter, Auteur, Kabarettist, Theatermënsch, Regisseur a Museker, dat sinn Domainer an deene de Roland Meyer aktiv ass. A sech mat ganz vill Passioun engagéiert.

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