Seismograph Ist ewiger Frieden möglich?

Wenn Staatschefs den Papst besuchen, ist es Usus, ihm ein Geschenk mitzubringen. So auch der französische Premier Emmanuel Macron. Der schenkte dem Papst bei seiner Visite vor einigen Wochen ein Buch. Aber nicht irgendein Buch, sondern die Erstausgabe eines Buchs von Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden heißt dieses Buch. Worum es darin geht, erkläert der Philosoph Lukas Held.

Lukas Held / sam

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Ass éiwege Fridde méiglech?

Emmanuel schenkt Immanuel

Wenn Staatschefs den Papst besuchen, ist es Usus, ihm ein Geschenk mitzubringen. So auch der französische Premier Emmanuel Macron. Der schenkte dem Papst bei seiner Visite vor einigen Wochen ein Buch. Aber nicht irgendein Buch, sondern die Erstausgabe eines Buchs von Immanuel Kant. Zum ewigen Frieden heißt dieses Buch - und Macrons Geschenk hatte im aktuellen Kontext Symbolcharakter.

Denn es herrscht wieder Krieg in Europa - das ist fürchterlich und traurig. Zugleich wird dieser Krieg hochgradig mediatisiert, überall finden sich Live-Ticker zum Geschehen in der Ukraine, von Social Media ganz zu schweigen. Wir sind topinformiert und dennoch machtlos. Das bauscht die Gemüter hoch und das führt zu einer mitunter sehr kriegstreiberischen Stimmung.

Angesichts dieser sehr aufgehitzten (weil ohnmächtigen) Stimmung tritt das Thema Frieden leider immer weiter in den Hintergrund. Macrons Geschenk hat da schon Symbolcharakter. Zum ewigen Frieden - das klingt ja schon fast wie eine Art Appel. Vielleicht hätte Macron es aber einem anderen Staatschef als dem Papst schenken sollen.

Ewiger Frieden: nein und ja

In der Philosophie gibt es auf die Frage, ob ein ewiger Frieden zwischen den Menschen möglich ist, im Grunde genommen gibt es zwei Antworten: nein und ja.

Nein sagen alle die, die glauben, der Krieg sei eine fixe Komponente des Menschseins. Da gibt es zum Beispiel diejenigen, die glauben, der Mensch besitze einen natürlichen Aggressionstrieb, der nur bis zu einem gewissen Grad kanalisiert werden kann und der sich dann im Krieg Bahn bricht. Oder diejenigen die meinen, der Krieg sei - wie Herodot es sagte - der Vater aller Dinge, also eine Art historisch-soziale Konstante, der Motor der Geschichte.

Und wer kann es diesen Leuten verdenken? Schließlich herrschte die meiste Zeit in der Menschheitsgeschichte tatsächlich Krieg - meist als das Resultat der Egotrips feudaler Herrscher, die im Streit um Land, Macht oder Frauen ihre Untertan in die Schlacht schickten. Die Idee, dass Frieden zwischen den Menschen möglich ist, die ist eigentlich viel jünger.

Kants Idee des ewigen Friedens

Vor 250 Jahren kam jedoch im Kontext der französischen Revolution die Idee auf, dass man Krieg zwischen Menschen vielleicht vermeiden könnten. Liberté, Égalité und eben Fraternité - Brüderlichkeit, nicht nur zwischen den Bürgern, sondern auch zwischen den Völkern. In diesen Kontext schreibt sich auch Kants Schrift Zum ewigen Frieden ein.

Immanuel Kant ist der Meinung, dass Frieden nicht der natürliche Zustand der Menschen ist, sondern gestiftet werden muss. Dafür nennt er einige wesentliche Bedingungen, und die haben auch heute noch eine große Aktualität. Wie z.B. dass ein Land sich kein anderes Land einverleiben kann, dass stehende Armeen abgeschafft werden müssen, dass sich Staaten nicht untereinander verschulden sollen und dass sich kein Staat in die Regierung eines anderen Staates einmischen darf.

Außerdem sollen alle Staaten republikanisch regiert sein, um zu verhindern, dass ein Monarch oder ein Autokrat seine Untertan in den Krieg schickt, obwohl diese den Krieg vielleicht gar nicht wollen. Demokratien - so meint es Kant zumindest - bekriegen sich nämlich weniger, als Diktaturen. Zudem sollen die Länder in einen Völkerbund eintreten, in welchem es aber kein Gewaltmonopol gibt. Kant ist hier ein Vordenker der UNO.

Letztlich, so meint Kant, sind wir alle Weltbürger, und als solche haben wir in anderen Staaten das Besuchsrecht. Kant hatte also damals schon das Phänomen der Globalisierung im Auge. Das bedeutet auch, dass wir Handel treiben können und sollen. Denn für Kant ist das ein wichtiger Friedensgarant: je mehr sich die verschiedenen Völker durch Handel binden, je mehr sie sich wirtschaftlich voneinander abhängig machen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ein Volk die anderen dominiert.

Und heute?

Frieden durch Handel: das ist ein Gedanke, der sehr vielen Staatstheoretikern aufgegriffen wurde und der auch heute noch propagiert wird. Aber die Aktualität zeigt, dass es nicht ganz so einfach ist. Russland führt trotz der eigenen wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Westen einen Krieg, den dieser sanktioniert.

Die Idee eines Völkerbundes vom Stil der UNO war 1795 noch ein ferner Traum, heute ist sie glücklicherweise Realität - aber wir sehen, dass sie kein Garant für Frieden ist. Und auch Kants Idee des kosmopolitischen Besuchsrechts hat sich nicht unbedingt so realisiert, wie er sich das vorgestellt hat. Ich denke da an den Kolonialismus, die Ausbeutung der Ressourcen und Menschen eines Landes durch ein anderes.

Also man sieht: viele von Kants Ideen haben sich nicht verwirklicht, es gibt leider noch keinen dauerhaften Frieden in dieser Welt. Kant hat aber nichtsdestotrotz die richtigen Fragen gestellt, und die bleiben aktuell: Wie müssen die Länder sich organisieren, damit ein dauerhafter Frieden möglich ist? Welche Art von Völkerbund brauchen wir, damit ein Land nicht ein anderes überfällt oder ausbeutet? Brauchen wir vielleicht eine Art Weltstaat, statt eines losen Völkerbundes? Und wo steht die Idee des Weltbürgers, des Kosmopolitismus angesichts des Wiederaufkommens des Faschismus und Nationalismus? All diese Fragen bleiben aktuell und müssen wieder neu geklärt werden.

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