Seismograph Don't Look Up!

Im Film "Don't Look Up" geht es um Wissenschaftler, die die Welt vor dem Untergang warnen - und nicht gehört werden. Was hat das mit dem Brunnenfall des Thales von Milet zu tun?

Lukas Held

Lukas Held

Der Netflix-Film Don't Look up hat in den letzten Wochen für viel Diskussionsstoff gesorgt. Mich hat der Titel des Films Don't look up (also übersetzt in etwa "Schau nicht nach oben") an eine Anekdote aus der Philosophiegeschichte erinnert, nämlich an den Brunnenfall des Thales von Milet.

Thales von Milet...

Der Satz des Thales dürfte vielleicht einigen noch ein Begriff sein. Thales war Mathematiker und Wissenschaftler, er gilt aber auch als der erste Philosoph der Geschichte, weil er der erste war, der sich deutlich vom mythischen Denken abgewandt hat. Thales soll der Legende nach den Eintritt einer Sonnenfinsternis vorausgesagt haben - was damals natürlich unerhört war, da es sich dabei ja um ein göttliches Ereignis handelt.

Der logisch Denkende Thales hatte verstanden, dass man sich nicht fürchten muss vor der Natur, dass man sie rational erklären und auf einfache Prinzipien bringen kann. Er hatte erkannt, dass man sich der Welt und ihrem Geschehen eben nicht willkürlich ergeben muss, sie im Gegenteil sogar beherrschen kann. Deshalb vollzieht sich bei ihm das, was man in der Philosophiegeschichte den Übergang vom Mythos zum Logos nennt.

...fällt in den Brunnen

Aber das hinderte ihn nicht daran, in einen Brunnen zu fallen! Plato überlieferte uns diese Geschichte: Thales soll einmal nachts durch die griechische Landschaft spaziert sein, um den Sternenhimmel zu erforschen. Dabei übersah er einen Brunnen, der vor ihm lag - und fiel hinein. Eine Magd, die dies zufällig gesehen hatte, lachte den im Brunnen liegenden Philosophen dafür bitterlich aus, mit der Begründung: er wolle mit aller Leidenschaft die Dinge am Himmel wissen, während er das, was ihm vor der Nase und zu Füßen läge, vergäße.

Aus dieser Anekdote wird deutlich: das Bild des weltfremden, sich in Spekulationen verlierenden und dabei das konkrete Leben vergessenden Träumers begleitet die Philosophinnen und Philosophen schon seitdem es ihre Zunft überhaupt gibt. Insofern taucht die Anekdote in der Philosophiegeschichte immer wieder auf und wurde - je nach geistesgeschichtlichem Kontext - auch ständig neu interpretiert. Für die einen steht die Magd für die ignorante Masse, die den Philosophen dafür verspottet, dass er sich mit Höherem beschäftigt. Für andere erinnert die Magd den Denker daran, dass er zuerst das Nächstliegende kennen muss, bevor er sich mit fernen Dingen beschäftigt.

Das Lachen der Magd trifft den Philosophen in seinem Selbstverständnis - entweder er ist beleidigt davon, oder er lacht mit ihr. Aber in jedem Fall sind Philosophen lächerlich, weil ihr Blick nach oben geht, statt bei dem zu bleiben, was vor ihren Füßen liegt. Was hier ausgedrückt wird ist der Gegensatz zwischen theoretischem Denken und dessen Gegenteil, nämlich dem alltäglichen Denken oder Handeln. Gegenüber dem Alltäglichen hat die Theorie einen entscheidenden Nachteil, nämlich dass man sie sehr schwer nachvollziehen kann, wenn man selbst keine Theorie betreibt.

Theorie kann man eben nicht so sehen wie das, was vor den Füßen liegt. Die theoretische oder - anders gesagt - wissenschaftliche Einstellung ist etwas rätselhaftes und bisweilen lächerliches. Deshalb will man sie anschaulich machen, interessant halten und popularisieren. Anders gesagt: es braucht jemanden, der der metaphorischen Magd erklärt, weshalb der, der da im Brunnen sitzt, nicht so lächerlich ist, wie es den Anschein hat.

Hilarité générale

Eben dieses Motiv vom Brunnenfall greift der Film "Dont' look up" auf - der Titel deutet es ja bereits an. Der in den Himmel blickende Wissenschaftler, gespielt von Leonardo DiCaprio, ist zu Beginn des Films ein klassischer Thales - weltfremd, ein bisschen weird, vor allem lächerlich. Im Laufe des Films entwickelt er sich zum smarten Wissenschaftsvermittler, der den Mägden, also dem amerikanischen Volk die Welt und die Wissenschaft erklärt. Um in der Metapher zu bleiben: er steigt aus dem Brunnen heraus und gesellt sich zur Magd. Dabei verpasst er es aber, ihren Blick in die Höhe, hin zum bedrohlichen Kometen zu lenken, er wird sozusagen selbst zur lachenden Magd.

Seine Nachricht wird nun nicht mehr ernst genommen, sie verliert sich im spöttischen Gelächter einer ziemlich oberflächlichen Gesellschaft, die jedes negative Gefühl und damit natürlich auch die Realität zu verdrängen versucht. Ironischerweise sind es im Film eben die Spötter, die letztlich völlig den Bezug zu dem verlieren, was am Offensichtlichsten, am Naheliegendste, am Dringlichsten ist: nämlich das Ende des Lebens auf diesem Planeten. Das Fazit bleibt damals wie heute: anstatt den im Brunnen Sitzenden zu verspotten, sollte man versuchen zu verstehen, warum da einer im Brunnen sitzt. Oder noch besser: selbst den Blick nach oben richten.

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