Seismograph Deel vun der Léisung?

Eine rein lösungsorientierte Politik nimmt sich keine Zeit mehr für diesen Austausch, keine Zeit mehr für Opposition, für Debatte und für Streit - und zementiert natürlich so ihre eigene Alternativlosigkeit, jenseits von links und rechts. Und so werden wir auf einmal allemal "Deel vun der Léisung" - und riskieren dabei vor lauter Lösungen zu vergessen, dass es überhaupt noch Probleme gibt.

Lukas Held / Simon Larosche / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Simon Larosche: Guten Morgen Lukas

Lukas Held: Guten Morgen.

Bei dir geht es heute um ein Thema, was letztens für viel Debatte gesorgt hat, nämlich Twitters Entscheidung, Donald Trumps privates Konto definitiv zu sperren.

Das Thema hat ja in letzter Zeit hohe Wellen geschlagen, und das natürlich ganz zurecht: der CEO einer privaten Firma entscheidet, dem anscheinend mächtigsten Mann der Welt das Sprachrohr wegzunehmen - und kann das dann auch einfach so tun.

Am Beispiel von Donald Trumps gelöschten Twitter-Account wird deutlich, wie mächtig die Tech-Firmen des Silicon-Valley sind und wie sehr ihre Technologie die Welt formt - pour le meilleur et pour le pire. Es zeigt aber auch, wie abhängig sich nicht nur der Präsident der USA, sondern auch andere Präsidenten, Kanzler und Premiers von ebensolchen privaten Firmen gemacht haben.

Insofern sich gerade Jugendliche und junge Wähler mehrheitlich über soziale Netzwerke informieren, wird sich an dieser Abhängigkeit in Zukunft auch nichts ändern. Umso scheinheiliger wirkt es da, dass Twitter erst jetzt einschreitet, denn schließlich war es jahrelang die Hauptplattform für Trumps Lügen und Tiraden. In einer Welt, in der, - um es mit Marshall MacLuhan zu sagen - das Medium die Botschaft geworden ist, bestimmt eben die Technologie den Inhalt.

Gerade deshalb sollten wir diesen Firmen ganz genau auf die Finger schauen, oder?

Auf jeden Fall, und vor allem sollten wir versuchen die Ideologie des Silicon-Valley zu verstehen. Denn allzu oft stellen sich Firmen wie Facebook und Twitter als selbstlose Medien der freien Meinungsäußerung oder als Katalysatoren des gesellschaftlichen Wandels dar. Aber angesichts ihres immensen Einflusses wirkt diese Selbstdarstellung mir etwas zu bescheiden.

Schließlich schlagen diese Firmen immensen Profit aus den Halbwahrheiten und Lügen, die sie algorithmisch millionenfach verbreiten. Die Idee, dass Twitters CEO sich plötzlich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst geworden sei, ist ungefähr so sinnvoll wie der Glaube daran, dass sich eine Bank tatsächlich für "äert Liewen" interessiert.

Nein, hinter der Entscheidung, Trumps Konto zu sperren, steckt natürlich nichts weiter als anlegerfreundliches Kalkül. Und darüber hinaus offenbart es die wesentliche Ideologie des Silicon Valley.

Und die wäre ...?

Die Ideologie des Silicon Valley ist - mit einem Wort - der Solutionismus. Der Solutionismus ist die Idee, dass sich alle Menschheitsprobleme durch Technologie (und insbesondere durch algorithmische Berechnung) lösen lassen. Dadurch soll ein perfekt funktionierendes und vor allem effizientes Zusammenleben ermöglicht werden - nach dem Motto "Gibt's da nicht ne App für?".

Und tatsächlich sind wir wahrscheinlich pünktlicher dank Google Maps, gebildeter dank Podcasts und kreativer dank Pinterest - zumindest wollen wir nicht mehr auf diese Apps verzichten, da sie unser Leben wirklich leichter machen.

Allerdings - und das ist der springende Punkt - sind wir so daran gewöhnt, dass die Technologie uns Lösungen bietet, dass wir vor lauter Lösungen die Probleme nicht mehr sehen. Anders gesagt: wir haben wenig bis keine Problemtoleranz mehr. Denn tatsächlich geht es nur mehr darum, Probleme schnellstmöglich zu überwinden, aus der Welt zu schaffen, zu lösen.

Denkst du denn nicht, dass Probleme gelöst werden sollten?

Ich meine, dass Lösungen das Produkt, aber eben auch das Ende eines Denkprozesses sind, während Probleme erst zum Denken anregen. Wenn wir uns zu sehr daran gewöhnen, immer Lösungen zur Hand zu haben, dann fangen erst gar nicht an, zu denken. Und da Denken auch eine Form von Auseinandersetzung ist, ist der Solutionismus ebenfalls das Ende der Debattenkultur und letztlich auch der Politik insofern diese von der Debatte lebt.

Die Politik lebt von der Parteilichkeit, von der Auseinandersetzung, vom Antagonismus. Eine rein lösungsorientierte Politik nimmt sich keine Zeit mehr für diesen Austausch, keine Zeit mehr für Opposition, für Debatte und für Streit - und zementiert natürlich so ihre eigene Alternativlosigkeit, jenseits von links und rechts. Und so werden wir auf einmal allemal "Deel vun der Léisung" - und riskieren dabei vor lauter Lösungen zu vergessen, dass es überhaupt noch Probleme gibt.

An der Mediathéik:

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