Seismograph Bac Philo

Das "Bac Philo" verbindet: nicht nur, weil die Eltern mit ihren Kindern mitfiebern, sondern weil eigentlich jeder französische Bachelier eine Erinnerung an diese Prüfung hat - manchmal gut, meistens schlecht. Das Bac Philo hat Ritualcharakter.

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

In diesem Moment schwitzen sich etwas mehr eine halbe Million Lycéens in Frankreich durch die Épreuve de philosophie ihres Baccalauréat, auch bekannt als Bac de Philo. Für diejenigen, die es nicht wissen: das Bac de Philo hat in Frankreich ja einen besonderen Stellenwert insofern diese Prüfung traditionellerweise die Examenssession eröffnet. Die KandidatInnen haben insgesamt vier Stunden, um einen Textkommentar zu einem philosophischen Text und eine Dissertation philosophique zu schreiben - und jedes Jahr lässt dieses Examen auch außerhalb der Säle viel Tinte fließen.

Im Vorfeld wird in den Medien über die möglichen Themen spekuliert, Philosophieprofessoren ebenso wie Hobby-Philosophen geben Tipps und Ratschläge, wie man seine Kopie am besten gestaltet, France Culture bringt SOS-Bac-Sondersendungen, in denen renommierte Professoren über klassische Dissertations-Themen philosophieren, bref: die Grande Nation schwebt einige Wochen in einem kleinen Philosophie-Rausch.

Brücke Bac

Natürlich ist es schön zu sehen, wie präsent die Philosophie im öffentlichen Raum in Frankreich ist (im Gegensatz zu Luxemburg zum Beispiel) - und das ist im Wesentlichen dem Bac Philo zu verdanken. Das Bac Philo verbindet: nicht nur, weil die Eltern mit ihren Kindern mitfiebern, sondern weil eigentlich jeder bachelier eine Erinnerung an diese Prüfung hat - manchmal gut, meistens schlecht. Denn die Prüfung wird gefürchtet und die Note oftmals als Willkür empfunden - Noten in der unteren Hälfte sind gang und gäbe.

Im Gegensatz zu uns Luxemburgern können sich die meisten Franzosen deshalb auch noch an ihre Question de dissertation erinnern. Und wer es nicht mehr weiß, kann die Annalen konsultieren, die reichen nämlich bis ins 19. Jahrhundert. Hinzu kommt, dass sich am Examen selbst recht wenig geändert hat. Das alles führt dazu, dass das Bac Philo eine Brücke zwischen den Generationen schlägt - und genau das macht seinen Ritualcharakter aus.

Ritual Bac

Noch stärker. Was ist ein Ritual? Ein Ritual hat die Macht, die Zeit vergessen zu lassen und die Illusion ewiger Dauer zu suggerieren: das Ritual kommt immer wieder, es tritt plötzlich auf, und man muss daran teilnehmen, wenn man in den Kreis derjenigen aufgenommen werden will, die das Ritual durchgemacht haben.

Das Bac ebenso wie das 1ère-Examen kehrt jedes Jahr immer gleich zurück - es ist also zyklisch. Zugleich ist das Ritual sequentialistisch für den- oder diejenige, die sich ihm unterwirft: für den Primaner ist das Examen die letzte Etappe auf einem alten und die erste auf einem neuen Weg.

Mit anderen Worten: das Ritual ist für den einzelnen immer neu und die Öffnung eines Horizonts von Möglichkeiten, während es für das Kollektiv immer gleich ist. Ganz im esprit républicain des großen Gleichmachens müssen nämlich die meisten Schüler irgendwann einmal durch das Bac quälen - auch Emmanuel Macron.

Vor einigen Wochen publizierte das französische Philosophie Magazine die Kopie des Bac Philo des französischen Präsidenten. Das Ganze stellte sich später zwar als ein Aprilscherz heraus, das Interesse war dennoch gigantisch.

Ich finde das charmant: jeder Franzose mit Abitur musste einmal in seinem Leben während 4 Stunden ein philosophisches Gedankengebäude erbauen. Die dissertation philosophique als Königsdisziplin des Denkens - so zumindest lautet der offizielle Diskurs.

Dogma Bac

Nicht so rosig, denn es gibt genug Kritikpunkte - und vor allem in diesem Corona-Jahr bröckelt die meritokratische Fassade. Den SchülerInnen in Frankreich ist es dieses Jahr erlaubt, entweder ihre Jahresnote oder die Bac Note zählen zu lassen. Man geht davon aus, dass die meisten SchülerInnen gar keine Dissertation schreiben werden, sondern nur die einstündige Mindestzeit absitzen oder eine Quatschkopie einreichen - um sich ja nicht ihre Moyenne zu versauen.

Das ist hierzulande übrigens auch Usus: die starken SchülerInnen lassen ihre Note stehen, während andere SchülerInnen ein Examen in einem Fach schreiben müssen, in welchem sie nachweislich Schwächen haben. Hier stößt sich das humanistische Bildungsideal an die Imperative der Leistungsgesellschaft, nach dem Motto: gute Noten um jeden Preis, egal ob mich das Fach interessiert oder nicht. Denn der Numerus clausus sitzt allen Abiturienten im Nacken, egal in welchem Land.

Was mich hingegen erschreckt ist, wie dogmatisch die Methoden der Dissertation und es Commentaire de texte vermittelt werden. Diese naive Modellhaftigkeit, diese Hypernormativität steht letztlich im krassen Gegensatz zum Anspruch eines jeden Philosophie-Unterrichts, nämlich dem, zum kritischen Denken zu erziehen.

Vielleicht geht es beim Bac Philo doch mehr um Vorbildhaftigkeit als um autonomes Denken, mehr um ein breites als um ein tiefes Wissen, mehr um Rhetorik als um Philosophie? (Das haben die Belgier vielleicht besser verstanden, bei denen das Abitur "Rhétorique" heißt und es gar keine épreuve générale gibt.) Vielleicht erschöpft sich der Wert dieser Prüfung in seinem Ritualcharakter und der beruhigenden Wirkung des Immergleichen? Vielleicht sollte man das Ganze Zinnober über Bord werfen? Vous avez quatre heures!

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