Seismograph Auto-Mobilität

Ist das Fahrrad der neue SUV? Einige Gedanken zum diesjährigen Autofestival.

Lukas Held

Lukas Held

Das Autofestival belästigt uns mittlerweile schon seit zwei Wochen - und mir scheint, dass man über dieses Objekt Autofestival einmal nachdenken sollte, denn - so scheint es mir zumindest - hier kristallisieren sich einige interessante gesellschaftliche Phänomene.

Greenwashing

Zum Beispiel das Thema "Greenwashing". Vor allem in der Automobilbranche das Greenwashing mittlerweile dermaßen unverschämt betrieben wird, dass man nur noch kopfschütteln kann und sich fragt, wer diesen Blödsinn glaubt. Alles scheint auf einmal Grün zu sein - nicht nur das Logo des Festivals -, nein: alles ist plötzlich energieeffizient, nohalteg und klimaneutral. Diese Wörter werden einfach solange gedehnt und gewendet, bis es irgendwie auf das Produkt passt.

Aber nicht nur die Begriffe! Die Propaganda des Autokapitals verzerrt die Realität dermaßen, dass man beinahe den Eindruck gewinnen könnte, dass man der Umwelt etwas Gutes tut, wenn man sich ein Hybrid- oder ein elektrisches Auto kauft. Wenn man die Prospekte liest, könnte man meinen, dass Baumsamen aus dem Auspuff raustropfen.

Jedenfalls sollten alte Verbrenner am besten schleunigst und möglichst teuer gegen ein Elektro-Auto eingetauscht werden. Oder noch besser gegen 2 - wie sich das im luxemburgischen Durchschnittshaushalt gehört. Es soll bei all niemals der Gedanke aufkommen, dass man in irgend einer Weise auf das private Auto verzichten könnte.

Fahrrad als Statussymbol

Das Fahrrad hat zwar in der Pandemie einen regelrechten Boom erlebt. Aber der Fahrrad-Boom hat auch etwas anderes offenbart, nämlich eine soziale Spaltung unserer Gesellschaft.

Kürzlich haben Soziologen der Universität Köln herausgefunden, dass Landbewohner das Rad dreimal weniger als Stadtbewohner nutzen. Das ist nicht sonderlich erstaunlich aufgrund der Distanzen auf dem Land. Aber: Stadtbewohner mit Abitur nutzen das Rad 50% häufiger als Stadtbewohner ohne Abitur. Anders gesagt: Menschen mit höherer Bildung fahren mehr Rad.

Warum? Weil das Rad oder besser das Radfahren mittlerweile ein Statussymbol geworden ist. Was der SUV für die untere Mittelschicht ist, ist das Rad heute für die urbane gehobene Mittelschicht: man zeigt an, dass man umweltbewusst, fit und flexibel ist. Das ist insofern interessant, als es einen gesellschaftlichen Prioritätenwechsel anzeigt. Der SUV ist - etwas salopp gesagt - Überheblichkeit auf 4 Rädern: protzig, angeberisch, ziemlich hässlich, dazu auch in jeder Hinsicht absolut unpraktisch und gewollt verschwenderisch.

Der SUV-Fahrer zeigt, dass er es sich leisten kann, ein teures Quatschauto zu fahren, mit dem man weder in der Stadt, noch im Gelände fahren kann. Oder hast du schon einmal einen Porsche Cayenne im Wald gesehen? Mit dem Fahrrad hingegen zeigt man keinen Reichtum an, sondern eine gewisse Denkweise, ein Bewusstsein.

Es geht also nicht mehr darum, was man hat, sondern was man denkt, welche Einstellung man hat. Aber damit dieses Denken oder diese Einstellung auch geschätzt wird, muss man sie nachvollziehen können - und damit wären wir wieder bei der Bildung. Das Fahrrad funktioniert als Statussymbol nur bei denjenigen, die das auch nachvollziehen können.

Also sehen wir hier, im neuen Stellenwert des Rads, einen gesellschaftlichen Wandel, weg vom Schein, hin zum Sein, oder besser gesagt: zum Bewusst-Sein. Nun kann das Fahrrad das Auto zumindest im urbanen Raum auch recht leicht ersetzen - weil sich die Art und Weise verändert hat, wie wir fahren und wie wir Strecken wahrnehmen. Dazu vielleicht eine interessante Zahl: in Luxemburg sind 40 % der Autofahrten Strecken von unter 5 km.

Es ist wirklich nicht sinnvoll, diese Fahrten systematisch mit dem Auto zu machen. Aber vielleicht auch nötig, weil die Zeit knapp ist und wir schon so ständig gestresst sind. Ein Großteil des Autoverkehrs machen Pendler aus, die jeden Tag dieselbe Strecke fahren - hin und zurück, also im Kreis.

Nachdenken über die Wege

Mir scheint, dass Mobilität nicht nur ein Nachdenken über die Vehikel bedeutet, mit denen wir fahren, sondern auch und vor allem ein Nachdenken über die Straßen und die Wege, auf denen wir fahren. Oder besser: ein Nachdenken über die Art und Weise, wie wir diese Wege wahrnehmen.

In diesem Kontext denke ich, dass wir dem Auto eine neue Strecke zuweisen sollten - nämlich die offene Strecke, die road im Amerikanischen Sinne, also die Straße, die mich irgendwohin führt, an einen neuen Ort. Ich meine damit die lineare Strecke, also die Strecke, deren Verästelung wir selbst bestimmen, z.B. wenn wir in Urlaub fahren, oder auch wenn wir uns verfahren, oder irgendwo hin fahren, wo wir noch nicht waren.

Aber für die zyklischen Strecken - zur Arbeit, zur Schule, zum Bäcker, zum Hobby etc. - bräuchten wir andere Gefährte. Auto-Mobilität ist m.E. ein Zeichen von Unabhängigkeit und daher sehr wichtig - aber sie wird offensichtlich falsch eingesetzt, nämlich leider hauptsächlich und oft unnötigerweise für zyklische Strecken.

Es muss sicherlich eine neue Rolle für das Automobil in unserer Gesellschaft definiert werden. Das Privatauto sollte darin aber wirklich keinen Platz mehr haben - und wird es wohl auch nicht, denn das Auto wird immer weniger zum Statussymbol und die Alternativen werden immer besser. Aber davon sieht man natürlich sehr wenig auf dem hiesigen Autofestival. Dort sieht man grüne Pflaster auf toten Körpern, die sich auch elektronisch nicht mehr reanimieren lassen.

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