Philosophische Mythen Atlantis

Allgemein geht man davon aus, dass der Mythos ein Denken in konkreten Bildern und die Philosophie ein Denken in abstrakten Begriffen ist. Und dennoch greift die Philosophie oft auf Mythen zurück, um ihr abstraktes Wissen zu veranschaulichen. In seiner Serie stellt Lukas Held einige dieser philosophischen Mythen vor und erklärt deren Bedeutung. Heute geht es um die Insel Atlantis.

Lukas Held / cbi

Atlantis

Eine Insel, jenseits der Säulen des Herkules

Unter all den platonischen Mythen sticht einer ganz besonders hervor. Er sticht hervor, weil er die Vorstellungskraft der Menschen wie kein anderer beflügelt hat - und zwar dergestalt, dass dieser Mythos noch 2.000 Jahre später festes Teil unseres imaginaire collectif ist.

Manche haben die Geschichte etwas zu wörtlich genommen und sich auf die Suche nach der Insel gemacht, von der im Mythos die Rede ist - natürlich ohne Erfolg. Die Rede ist von Atlantis, jener sagenumwobenen Insel, und von ihren Bewohnern, den Atlanten, deren Zivilisation bei einer schrecklichen Naturkatastrophe ausgelöscht wurde. Innerhalb "eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht", wie es bei Platon heißt.

Jetzt mag sich die ein oder andere Zuhörerin wohl fragen: was hat die fantastische Geschichte von einer untergegangenen Seemacht im Atlantik beim altehrwürdigen Platon zu suchen? Nun, wie alle platonischen Mythen hat auch dieser eine ganz besondere Funktion in dessen Denken. Diesen Sinn verpasst man allerdings, wenn man die Atlantis-Sage als eine Art historische Beschreibung eines untergegangenen Volkes oder gar als Landkarte für eine Insel liest.

Eine Insel in der Insel

An diesem Missverständnis ist Platon übrigens selbst nicht ganz unschuldig. Tatsächlich lesen sich die Passagen in den Dialogen Kritias und Timaios stellenweise so wie Herodots oder Thukydides Geschichten vergangener Königreiche. Zudem beharrt Platon vehement darauf, dass es sich bei alldem zwar um eine - wie er schreibt - "gar seltsame, aber durchaus wahre Geschichte" handle.

Eben diese Geschichte vom Untergang Atlantis' soll dem Weisen Solon (der im 7. Jahrhundert v. Chr. lebte) von einem ägyptischen Priester erzählt worden sein. Jetzt muss man wissen, dass die Ägypter in der antiken griechischen Geschichtsschreibung allgemein als die Zeugen der Vorgeschichte gelten, also als eine Art Schatzkiste des historischen Wissens.

Das ist auch durchaus verständlich angesichts der Tatsache, dass die alte ägyptische Zivilisation rund dreitausend Jahre lang existierte und sehr viel älter war als die griechische. Wie dem auch sei: die tragischen Ereignisse um Atlantis sollen sich - dem ägyptischen Priester zufolge - vor rund 9000 Jahren zugetragen haben, also in einer sagenhaften Vorzeit.

Was geschah nun genau? Jenseits der "Säulen des Herakles", wie man in der Antike die Straße von Gibraltar nannte, also jenseits des Mittelmeers existierte eine riesige, ellipsenförmige Insel, die größer war als "Asien und Libyen" zusammen. Libyen war die damalige Bezeichnung für Afrika, also muss es sich eher um einen Kontinent als um eine Insel gehandelt haben. Die Hauptstadt Atlantis', die sich im Zentrum dieses Kontinents befand, muss man sich ebenfalls als eine Insel vorstellen ... eine Insel in der Insel sozusagen.

In der Mitte dieser Hauptstadt befand sich der Königspalast sowie der Poseidontempel, das ganze umgeben von einer neunhundert Meter langen Mauer aus sogenanntem Oreichalkos, was wir heute Messing nennen würden. Das Oreichalkos gab dem Ganzen einen "feuerähnlichen Glanz". Drei Wasserringe umgaben dieses Zentrum und diese Ringe waren durch Kanäle miteinander verbunden. Jeder dieser Ringe war wiederum durch hohe Mauern befestigt. (Ich persönlich muss bei dieser Beschreibung an Minas Tirith aus den "Herr der Ringe"-Filmen denken, aber das bin vielleicht nur ich.)

Wir können aus diesen Beschreibungen schließen, dass Atlantis eine Monarchie war und dass die Zivilisation technologisch fortgeschritten sein musste. Das bestätigt unser ägyptischen Priester, dem zufolge Atlantis tatsächlich ein unheimlich reiches Land gewesen sein soll, zum einen aufgrund der üppigen Ressourcen, der zahlreichen Wasserquellen, die durch Kanäle in die Stadt geleitet werden, ebenso wie durch eine variierte und reichhaltige Flora und Fauna.

Zum anderen war Atlantis begünstigt aufgrund seines direkten Zugangs zum Meer - eben dem Atlantik. Dieser Zugang ermöglichte es den Atlantern Afrika, Ägypten und sogar die Küsten Europas auf dem Seeweg zu erreichen und zu kolonisieren. Dabei mag geholfen haben, dass ihnen der Meeresgott Poseidon anscheinend eher wohlgewollt war - zumindest erfahren wir bei Platon, dass das Geschlecht der Atlanter ein direkter Nachfahren Poseidons ist. Atlas - der Namensgeber des atlantischen Ozeans - ist schließlich eines der Kinder Poseidons.

Kolonialmacht Atlantis

Jedenfalls sollen die Atlanter mit ihrer übermächtigen Flotte auch bis nach Athen vorgedrungen sein. Nicht etwas das Athen, dessen Bürger Platon ist zu der Zeit als er seinen Mythos schreibt. Nein, es geht um eine Art Ur-Athen, einen mythischen Vorgänger des antiken Athens.

Dieses Ur-Athen beschreibt Platon als ein herrliches und üppiges Land, das sich selbst genügt und ausreichend Nahrung für ein friedliebendes Volk bietet. Dieses Volk ist zwar lose in verschiedene Stände unterteilt (Bauern, Handwerker, Priester, etc.).

Wenn man Platons Beschreibung liest, wirkt es aber vielmehr wie eine Art Öko-Kommunismus in dem alle Bürger in Einklang mit der Natur, mit ihren Herrschern und mit sich selbst leben. Langsam dürfte uns der Sinn des Mythos dämmern. Als die Atlanter auf die Ur-Athener treffen, bekriegen sich nicht einfach nur zwei Völker, sondern zwei Archetypen.

Auf der einen Seite das technologisch hochentwickelte Königreich, eine Seemacht, deren künstliche Hauptstadt aus mehreren Ringen und mit dem Lineal gezogenen Kanälen besteht. Auf der anderen Seite eine Landmacht, die in die Natur eingebettet lebt, sich nicht auf Technik, sondern auf Fleiß und Pflichtgefühl verlässt und die auch keine strenge Hierarchie kennt, sondern proto-kommunistisch organisiert ist. Meer gegen Land also, Seefahrt gegen Agrikultur, Hierarchie gegen Heterarchie, Nomadentum gegen Sesshaftigkeit, Kolonialismus gegen Autonomie, Technik gegen Natur - all diese Dualitäten finden sich im Atlanis-Mythos wieder.

Antiker Öko-Kommunismus

Aber was will Platon uns mit alldem sagen? Man hat spekuliert, dass es sich beim Atlantis-Mythos um eine Art Legitimations-Mythos handelt, der das bestehende Athen und dessen Staatsform legitimieren sollte.

Ur-Athen besiegt im Mythos nämlich Atlantis, bevor beide Reiche - wie schon gesagt - durch ein gewaltiges Erdbeben verschwinden. Dass Athen immer noch existiert, Atlantis jedoch in den Fluten verschwand, das beweist dessen Überlegenheit - und vor allem die Überlegenheit der athenischen Demokratie gegenüber der atlantischen Monarchie.

Der Mythos hat auch eine sozialkritische Komponente: Atlantis ist eine überlegene, aber auch eine verkommene Stadt, arrogant und imperialistisch, während Ur-Athen zwar weniger entwickelt, dafür aber geeinter zu sein scheint. Und wer weiß, vielleicht ging es Platon einfach nur darum, vor den Gefahren einer zu großen Technisierung zu warnen. Wir wissen, dass er eine besondere Abneigung gegen Kunst und Technik hegt.

Das Nachleben des Atlantis-Mythos

Jedenfalls hat der Atlantis-Mythos eine unglaubliche Resonanz erfahren, vor allem in der Neuzeit. Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus machte Platons Geschichte von dem riesigen Kontinent jenseits des Mittelmeers wieder aktuell.

Auf einmal wurde die Welt wieder groß - und die Vorstellung einer vielleicht doch nicht ganz versunkenen Insel mit technologisch fortgeschrittenen Bewohnern beflügelte die Phantasie. Atlantis wurde zur Utopie, zu einer Projektionsfläche für den Traum von einer räumlich abgeschlossenen, perfekt geordneten Gesellschaft - so wie sie der z.B. Philosoph Thomas Morus in seinem Werk Utopia und Francis Bacon in seinem Roman Nova Atlantis imaginierten.

Um des Wahnsinns willen möchte ich noch darauf hinweisen, dass der SS-Führer Heinrich Himmler davon überzeugt war, dass die arische Rasse von den Atlanten abstammte. In Bremen kann man sich noch heute das "Haus Atlantis" ansehen, ein von Himmler gegründetes Institut zur Lokalisierung und Erforschung Atlantis', an dem seriöse Forscher allerlei unseriöse Arbeit betrieben.

Atlantis fasziniert uns weiterhin und der Traum von der noch zu entdeckenden Insel hält an - auch und vielleicht gerade weil es nichts mehr zu entdecken gibt.

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