"Pflaumenregen" vum Stephan Thome Komplex, verschachtelt, aber außerordentlich lehrreich

Am Beispiel von Umeko Ri erzählt Stephan Thome die Geschichte seiner Wahlheimat Taiwan. Umeko Ri wächst unter wechselnden Besatzungsmächten auf. Als Kind erlebt sie den Abzug der Japaner und den Einzug der Chinesen. Der Wechsel geht einher mit Widerstand und Säuberungsaktionen. Auch ihre Familie bleibt davon nicht verschont.

Angelika Thomé / cz

Pflaumenregen

"Pflaumenregen" ist ein Familienroman. Er erzählt die Geschichte der taiwanischen Familie Ri über einen Zeitraum von rund 70 Jahren. Und weil das Schicksal dieser Familie eng mit der Geschichte von Taiwan verknüpft ist, ist "Pflaumenregen" auch ein politischer Roman.

Umeko Ri wächst während der japanischen Kolonialherrschaft auf und erlebt die Auswirkungen des Pazifikkriegs, der mit der Kapitulation der Japaner und ihrem Abzug von der Insel endet.

"Die Insel gehört ab sofort zu China, wir also auch", erklärt ihr die Mutter.

"Obwohl wir keine Chinesen sind?", fragt Umeko ungläubig.

Dass sie auch keine Japanerin ist, kommt der Neunjährigen gar nicht in den Sinn, sie kennt nichts anderes.

Unter den neuen Besatzern wird alles Japanische ausgemerzt, angefangen bei den japanischen Namen, die in chinesische geändert werden: Umeko Ri heißt nun offiziell Ching Mei Lee.

Misstrauen und Zwietracht herrschen

Um den Kampf gegen Mao zu finanzieren, reißen die neuen Besatzer sich den Besitz der alten Besatzer unter den Nagel. Die Wirtschaft kollabiert, es kommt zu einem Aufstand gefolgt von Säuberungsaktionen, in deren Verlauf Umekos Onkel spurlos verschwindet.

Umeko ist 13 Jahre alt, als Maos Gegenspieler Chiang Kai-Shek 1949 mit seinen Anhängern auf die Insel flieht, gefolgt von 2 Millionen Festland-Chinesen, die fortan das Sagen haben. Wer sich nicht unterordnet, landet wie Umekos Bruder in einem Umerziehungslager.

Die repressive Politik, die mit Erpressung, Folter und Verrat einhergeht, sät Misstrauen und Zwietracht zwischen Verwandten, Freunden und Nachbarn.

Julie und Harry wollen die Geschichte ihres Landes selbst erzählen.

Die Frage der Herkunft belastet die Beziehungen der ethnisch gemischten Einheimischen. Aus feinen Rissen werden tiefe Gräben.

Über Jahrzehnte herrscht in Taiwan ein Klima der Angst, das zusätzlich dadurch angeheizt wird, dass die Volksrepublik China die "abtrünnige Provinz" für sich beansprucht. Hoffnung flackert erst Anfang der 2000er auf.

Das alles spiegelt sich in Umekos Lebensgeschichte.

2016, zu ihrem 80. Geburtstag, versammelt sich in Taipeh ihre Familie um sie, darunter ihr Sohn Harry, der in den USA lebt, und ihre Enkelin Julie, die an der Uni von Taipeh promoviert.

Onkel und Nichte interessieren sich für die Geschichte des Landes, die bislang von zwei Besatzungsmächten geschrieben wurde.

Julie und Harry wollen die Geschichte ihres Landes selbst erzählen. Und was liegt näher, als bei seinen Nächsten zu beginnen. Doch Umeko gibt sich bedeckt.

Einen Blick hinter die Kulissen einer Nation

Kaleidoskopartig fächert Stefan Thome auf 520 Seiten Umekos Lebensgeschichte auf. Zeiten und Orte wechseln unablässig, Szenen und Erinnerungsfetzen, die sich erst im Rückblick einordnen lassen.

Manches bleibt im Verborgenen. Aber eines wird offensichtlich: Die Schatten der Vergangenheit belasten und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft vereint die Protagonisten generationsübergreifend.

Diese Ausschnitte ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen einer Nation, die um ihre eigene Identität gerungen hat und immer noch um internationale Anerkennung ringt.

Stephan Thome hat seiner Wahlheimat Taiwan mit "Pflaumenregen" eine Stimme verliehen. Er hat eine Geschichtsstunde in die Form eines Romans gekleidet.

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