Sayaka Murata: Das Seidenraupenzimmer Eine Warnung an alle

Wenn zeitgenössische japanische Autoren sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in ihrer Heimat befassen, kommen dabei meist keine Lobeshymnen heraus. Diese kritische Haltung teilt auch die 41-jährige Sayaka Murata. Seit Jahren schreibt sie gegen das auf Leistungsdruck und festgefahrenen Rollenmustern basierende System an. In "Das Seidenraupenzimmer" entwirft sie eine Schreckensvision von den Folgen der Verletzungen, die der kollektive Druck erzeugt.

Angelika Thomé / cbi

Das Seidenraupenzimmer
Foto: Bigstock / svetlanais; Aufbau Verlag

"Wir müssen überleben, egal, was passiert", schwören sich Natsuki und Yu. Natsuki hält sich für ein Magical girl und ihr Cousin Yu glaubt, er sei ein Außerirdischer. Das Geheimnis um ihre Andersartigkeit schmiedet die Kinder zusammen; sie versprechen sich ewige Treue.

Natsuki und Yu sehen sich nur einmal im Jahr, wenn sich ihre vielköpfige Familie zum Ahnenfest im Farmhaus der Großeltern versammelt, die in einem idyllischen Ort in den japanischen Alpen leben. Diese Familientreffen enden jäh, als die Elfjährigen sich körperlich näher kommen. Natsuki, die von ihrem Lehrer missbraucht wird, versteht den Aufruhr nicht.

Menschen als Produktionsstätte

23 Jahre nach dem Eklat kehrt Natsuki erstmals wieder in das Farmhaus zurück und trifft dort auf Yu. Inzwischen ist sie mit Tomoobi verheiratet, den sie über eine Plattform kennengelernt hat. Tomoobi hatte dort unter der Rubrik "Ehe ohne sexuelle Aktivitäten" annonciert, "um der Überwachung durch seine Familie zu entgehen".

Die beiden bilden jetzt eine Wohngemeinschaft und boykottieren ihre "Pflichten als Werkzeuge der Fabrik". Die Fabrik steht für die Gesellschaft, in der Natsuki lebt:

"Ich lebte in einer Fabrik, in der Menschen produziert wurden. [...] Die [...] männlichen und weiblichen Menschen wurden zunächst ausgebildet, ein eigenes Nest mit Futter zu versorgen. Sie wurden zu Werkzeugen. [...] Bald paarten sich auch diese jungen Menschen, bauten Nester und produzierten Kinder. [...] Meine Gebärmutter war Teil dieser Fabrik ..."

Gegen den gesellschaftlichen Druck

Natsuki und Tomoobi verweigern Leistungs- und Reproduktionszwang, aber ihr Nonkonformismus wird nicht geduldet. Die Familien machen Druck. Doch in Yu finden sie einen Gleichgesinnten. Von diesem Moment an nimmt der Roman eine radikale Wendung.

Die drei Protagonisten streifen ihre Fesseln ab und überschreiten erbarmungslos alle moralischen Grenzen. Sie flüchten in eine Parallelwelt, in der nur noch ihre eigenen Gesetze gelten. So wie die Seidenspinner, die in dem Farmhaus einst aus ihren Kokons entflohen, übernehmen sie die Herrschaft über ihren Körper und ihr Leben.

Ein düsterer Roman

Das Ende des Romans erinnert an einen Horrorstreifen und erschüttert selbst hartgesottene Leser. Das liegt auch an der Erzählweise. Sayaka Murata hat ihrer Ich-Erzählerin eine kindlich-naive Stimme verliehen. Statt Wut oder Entsetzen äußert Natsuki bestenfalls Verwunderung. Je düsterer der Roman wird, um so unerträglicher wird diese Lakonie.

Murata illustriert am Beispiel von Natsuki die Abgründe, die sich auftun, wenn Gesellschaften die Interessen des Kollektivs über die des Individuums stellen. Japan gilt in dieser Hinsicht als Musterbeispiel. Doch gesellschaftlicher Druck herrscht auch in anderen Systemen. Sayaka Muratas beklemmender Roman "Das Seidenraupenzimmer" ist eine Warnung an alle.

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Kultur / / Angelika Thomé
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