Yoshiharu Tsuge: Der nutzlose Mann Ein melancholischer Eigenbrötler und Tagedieb

Der Manga-Zeichner Sukezo hadert mit dem Leben, weil es ihm Dinge abverlangt, die nicht seiner Natur entsprechen. Immer wieder sieht er sich dazu gezwungen, Normen und Erwartungen zu erfüllen, dabei möchte er nichts lieber, als ungestört allein zu sein. Die Weltabgewandtheit teilt Sukezo mit seinem Schöpfer Yoshiharu Tsuge, der mit seinen Ich-Erzählungen Manga-Geschichte schrieb.

Angelika Thomé / cbi

Buchkritik Yoshiharu Tsuge - Der nutzlose Mann

Der "nutzlose" Mann - hinter diesem Titel versteckt sich ein offenes Bekenntnis. Er stammt von einem Mann, der am Leben scheitert, obwohl er als Mangaka Erfolge feierte, u. a. weil er das Genre um die Ich-Erzählung bereicherte.

Yoshiharu Tsuge, der als Pionier der literarischen Mangas gilt, gibt in seinen Geschichten viel von sich selbst preis. Sein Alter Ego, der gescheiterte Manga-Zeichner Sukezo, ist ein melancholischer Eigenbrötler und Tagedieb, der nicht aus seiner Haut raus kann.

Doch er hat - ebenso wie Tsuge - eine Frau und einen kleinen Sohn. Und weil es nun mal Usus ist, zum Unterhalt der Familie beizutragen, schmiedet Sukezo von Zeit zu Zeit hoch fliegende Pläne, um schnelles Geld zu machen.

Rückzug in die Einsamkeit

Manche Projekte versanden, andere sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, z. B. die Idee, am Flussufer Steine zu verkaufen. Und wenn er sich mit anderen zusammentut, wird er regelmäßig übers Ohr gehauen.

Am Ende steht Sukezo stets mit leeren Händen da - und widmet sich wieder seiner Passion. Er hockt stundenlang in seinem Verschlag am Fluss oder lümmelt zu hause auf den Tatamis herum. Er zieht sich zurück und genießt die Einsamkeit.

Das geht sogar soweit, dass er sich heimlich ein Zimmer mietet, um ungestört zu sein. Als seine Frau das spitz kriegt, ist es aus mit der Ruhe.

Keine der zwölf Geschichten, die Tsuge seinem Alter Ego andichtet, hat ein Happy End. Sie laufen allesamt ins Leere, Wiederholungen sind vorprogrammiert.

Die Rastlosigkeit des Antihelden

Das Gesicht, das er Sukezo verliehen hat, wird im Laufe der Manga-Serie immer reduzierter, sein Mund verschwindet unter einem Schnauzbart und damit verschwindet auch ein Großteil des Mienenspiels.

Sukezos Gleichmut wird kontrastiert durch die Rastlosigkeit, die das Leben ihm aufzwingt. Auf diese Weise fängt Tsuge sein Unbehagen an den herrschenden Normen und Erwartungen ein.

Die Mangas sind gespickt mit Seitenhieben auf die moderne Leistungsgesellschaft, aber auch mit Anspielungen auf den Buddhismus.

Tsuge gibt seinem Antihelden viel Raum, um sich zu entfalten. D. h. im Klartext, er zeichnet viele stille Momente. Das Innehalten, In-sich-gehen und Sich-selbst-aushalten verleihen seinem Antihelden eine Größe, die weit über das hinausgeht, was andere Manga-Helden mit ihren Superkräften vermögen.

Von der Bildfläche verschwunden

"Verschwinden", so heißt die letzte der 12 Geschichten, die 1985 und 86 zunächst in einem japanischen Manga-Magazin publiziert wurden und 1987 erstmals als Sammelband unter dem Titel "Der nutzlose Mann" erschienen.

Seither ist Yoshiharu Tsuge von der Bildfläche verschwunden. Er hat sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Weder die Verfilmung seiner Mangas noch sein beständig wachsender Ruhm, konnten den heute 87-Jährigen aus seiner Abgeschiedenheit hervor locken.

Tsuge hat durch die Selbstbeschau der Poesie die Türen zum Manga geöffnet. Aus seinen Mangas spricht die Sehnsucht, sein zu dürfen, wie man ist, fernab von allen Ansprüchen und Konventionen.

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