Iris Hanika - "Echos Kammern" Ein anspruchsvoller und unkonventioneller Roman

Seit ungefähr 30 Jahren veröffentlicht Iris Hanika Erzählungen und Romane, schreibt Artikel und Chroniken. Für ihren neuesten Roman, der sich um das Mythos von Narziss und Echo dreht, wurde die 58-jährige Autorin mit dem Hermann Hesse-Literaturpreis und mit dem Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Angelika Thomé / cbi

Echos Kammern
Foto: Bigstock / Skogas & Mathias_Berlin; Droschgl

Zwei Metropolen, Berlin und New York, bilden das Setting von Iris Hanikas Roman "Echos Kammern". Darin agieren drei Protagonisten: zwei reife Autorinnen - die eine mehr, die andere weniger erfolgreich - und ein junger Mann.

Der Roman beginnt in Manhattan, wo die Berliner Dichterin Sophonisbe Material für ihr erstes Prosa-Projekt sammelt. Auf einer Party bei Beyoncé, zu der ein Engel sie geleitet, begegnet sie dem schönen Josh, der mit seinem "olympischen Strahlen" jeden betört und alles überstrahlt - auch seine innere Leere.

Narziss und Echo

Josh ist Hanikas moderner Narziss. Fehlt nur noch Echo, die Nymphe, die nie selbst das Wort ergreift, und immer nur wiederholt, was andere zuvor gesagt haben, und die Echokammern, die den Schall verstärken.

Echos gibt es zuhauf in dem Roman. Alles scheint sich zu wiederholen: Sei es die Gentrifizierung, die eine Metropole nach der anderen überrollt, oder der antike Mythos, der sich in den sozialen Netzwerken wie Facebook & Co. spiegelt. Hier findet der Narzissmus seinen Widerhall. Selbst auf dem Deckel des Romans wiederholt sich in blassen Farben das bunte Design des Schutzumschlags.

Iris Hanika geht neue Wege

Sophonisbe weist den Gedanken, Echos Wiedergängerin zu sein, weit von sich. Doch: Ihr Projekt ist von literarischen Vorbildern inspiriert. Um ihre Originalität zu unterstreichen, und nicht nur als Echo wahrgenommen zu werden, bedient sie sich beim Schreiben einer Kunstsprache - lengevitch -, die wie folgt klingt: Erstes neues Wort, welches ich habe gelernt in New York, lautet "priced out - hinausgepreist". Damit man will sagen, dass jemand musste umziehen in anderer Stadtteil, weil konnte er nicht bezahlen mehr die Miete.

Aber selbst dieses Kauderwelsch ist nicht ihre eigene Erfindung. Alles schon mal dagewesen? Alles nur ein Widerhall?

Es ist schwer, die eingetretenen Pfade zu verlassen. Iris Hanika hat es gewagt. Ihr Roman ist anspruchsvoll, geistreich und vor allem unkonventionell.

Die 58-jährige Autorin, die in Berlin zuhause und mit Manhattan bestens vertraut ist, beleuchtet darin Themen wie Liebe und Altern, Kommunikation und Konversation, Gentrifizierung und Kapitalismus, Literaturbetrieb und Prekariat.

Der Roman braucht Durchhaltevermögen

Schwere Kost, könnte man meinen. Aber die Erzählstimme, die durch den Roman führt, sorgt für Leichtigkeit. Sie gibt sachliche Hinweise, erklärt und rückt Dinge gerade, sie kommentiert humorvoll das Geschehen, hinterfragt die Positionen und leistet bisweilen Widerspruch.

Diese Stimme bildet den beschwingten Konterpart zu der verkopften Sophonisbe. Und zu der Ratgeber-Autorin Roxana, bei der Sophonisbe in Berlin zur Untermiete wohnt, als Josh aus den USA herbeigeflogen kommt und Roxana den Kopf verdreht.

Stilistisch setzt Iris Hanika auf Freestyle. Der Text ist durchsetzt mit E-Mails, Manuskript-Passagen im Kauderwelsch und Zitaten, es gibt ein Zwischenspiel und einen Anhang mit weitreichenden Erklärungen. Man muss öfter mal nach hinten blättern, und auch die spröde "lengevitch" bricht den gewohnten Lesefluss.

"Echos Kammern" erfordert Durchhaltevermögen, doch wer ein bisschen Geduld aufbringt, wird gut unterhalten und mit reichlich Stoff zum Nachdenken belohnt.

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Kultur / / Angelika Thomé
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