Buchkritik Christian Kracht - Eurotrash

Sein Großvater war ein Nazi, sein Vater ein Parvenü und seine betagte Mutter hat ihr Geld in die Waffenindustrie investiert. Der Ich-Erzähler in Christian Krachts neuem Roman "Eurotrash" hadert mit seiner Familie. Eine Reise mit seiner betagten Mutter soll Abhilfe schaffen.

Angelika Thomé / cbi

Christian Kracht - Eurotrash
Foto: Libraire Ernster & Bigstock / Chinnapong

"Dieses Buch ist ein Roman", steht ganz vorne im Kleingedruckten. Da steht aber auch, dass "einige seiner Charaktere Vor- und Urbilder in der Realität haben, von denen das eine oder andere biografische Detail übernommen wurde".

Doch, so heißt es weiter: "Die Figuren, ihre Eigenschaften, ihre Handlungen und die Ereignisse und Situationen, die sich daraus ergeben, sind fiktiv." Das gilt folglich auch für den Ich-Erzähler, der sich als der Autor Christian Kracht ausgibt, der vor einem Vierteljahrhundert mit "Faserland" debütierte, einem Roman, der ebenso wie "Eurotrash" als Reisebeschreibung angelegt war.

Die Reise durch das Land der Kindheit

Diesmal führt die Reise den fiktiven Christian Kracht in die Schweiz, und dann gemeinsam mit seiner Mutter durch das Land seiner Kindheit. Dabei wirft der Sohn aus gutem Hause einen Blick auf die Geschichte seiner Familie.

Auf den Vater, der aus kleinen Verhältnissen zur rechten Hand von Axel Springer aufsteigt, eine Sammlung expressionistischer Gemälde sein Eigen nennt sowie etliche Villen und Chalets - ein bekennender Sozialist, der seine proletarische Herkunft verleugnet und seine Teilnahme am 2. Weltkrieg unter den Teppich kehrt.

"Mich haben die kleinen Unwahrheiten, die meinen Vater betrafen, nie so aus der Bahn geworfen wie die Wahrheiten der Familie meiner Mutter", klagt Kracht. Der Vater seiner Mutter gehörte der SS an und war bis zu seinem Tod ein strammer Nazi.

Weder der Großvater noch die Mutter hätten jemals ihre Schuld akzeptiert, klagt der Ich-Erzähler. Aber nicht nur deshalb hadert er mit seiner Mutter: Sie hat ihr Geld u.a. in der Waffen-Industrie angelegt, ist süchtig und uneinsichtig. Doch er hegt auch zärtliche Gefühle für die eigenwillige alte Frau.

Auf ihrer Reise durch die Schweiz erörtern sie die verschiedensten Familieninterna, kommen sich näher, stoßen sich ab und erleben darüber hinaus allerhand Haarsträubendes.

Die Reise endet in Genf am Grab des argentinischen Schriftstellers Borges.

"Endet nicht dein Buch Faserland auch so ähnlich?", fragt die Mutter.

"Ja, aber das war fiktiv. Dies hier ist echt", entgegnet der Ich-Erzähler.

Was hier wirklich echt, im Sinne von autobiografisch, ist, und was nicht, spielt letztendlich für die Themen, die angeschnitten werden - Geld, Macht, Familie, Schuld und Katharsis - nur eine untergeordnete Rolle.

Verwunderung und Abscheu

Viel interessanter ist, wie Christian Kracht diese Themen transportiert. In "Eurotrash" begegnet man einem Erzähler, der hin- und hergerissen ist zwischen Verwunderung und Abscheu gegenüber seiner eigenen Kaste und der eigenen Familie.

Angestachelt von seinen ambivalenten Gefühlen, sucht er rastlos und ratlos nach einer Lösung des inneren Konflikts. Dabei wechseln Staunen, Ironie und Fatalismus mit Wut, Enttäuschung und Melancholie.

Kracht fühlt seinem Protagonisten gehörig auf den Zahn, offenbart gnadenlos sein Innenleben, seine Haltung und seine Reflexionen. Ja, er führt ihn regelrecht vor. Diese unterschwellige Distanz hebt Christian Krachts Roman "Eurotrash" wohltuend aus der aktuellen Flut der Bekenntnis- und Erinnerungsliteratur hervor.

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